Gesellschaft 15.11.2015
Von: Marianne Büsing

Alles Daumenakrobaten? – Sind deutsche Kinder und Jugendliche motorische Versager?

In der Presse liest man sehr häufig: „Immer mehr Kinder haben motorische Defi zite“, „Der Trend zum motorisch zurückgebliebenen Kind hält an“, „Kinder können nicht mehr auf einem Bein stehen, nicht seitlich hin- und herhüpfen, rückwärts laufen, keinen Purzelbaum mehr schlagen“. Und tatsächlich legen viele Studien den Schluss nahe, dass es um die körperliche Fitness und motorische Entwicklung der Kinder in Deutschland dramatisch schlecht bestellt sei.


Alles Daumenakrobaten? – Sind deutsche Kinder und Jugendliche motorische Versager? (Foto: Shutterstock.com Klimazo)

Alles Daumenakrobaten? – Sind deutsche Kinder und Jugendliche motorische Versager? (Foto: Shutterstock.com Klimazo)

Doch werden die Ergebnisse der verschiedenen Studien ganz unterschiedlich interpretiert und diskutiert. Die Palette der Fazits reicht von »alarmierenden Ergebnissen« über eine »Verschiebung der Leistungsbereiche« bis zu einer »gleichbleibenden motorischen Leistungsfähigkeit« bei Kindern und Jugendlichen. Schaut man sich die Literatur und die zugrundeliegenden Studien genauer an, zeigt sich, dass die Ergebnisse kaum miteinander vergleichbar sind. Das liegt daran, dass diese auf unterschiedlichen Erhebungs-Standards basieren. Repräsentative Aussagen zur Entwicklung motorischer Fähigkeiten sind so nicht möglich.

Auch die Ursachen für motorische Entwicklungsstörungen sind nicht immer klar zu fassen, weil diese sowohl durch eine Reihe körperlicher Krankheiten, Schädigungen oder Funktionsstörungen, Muskel- und Gelenkerkrankungen, aber auch durch Atmungs- und Kreislaufprobleme oder sensorische Defizite verursacht sein können. Motorische Störungen können auch durch Geburtskomplikationenmit Verletzungen des Gehirns auftreten und sogar durch emotionale Traumata hervorgerufen werden und nicht nur durch Bewegungsmangel entstehen, der im Fokus der Diskussion steht.

Bewegen macht beweglich

Fest steht aber, dass Bewegung der beste Weg ist, motorischen Defiziten vorzubeugen. Dazu gehört ein vielfältiges Angebot körperlicher Aktivitäten. Und das gilt selbstverständlich genauso für Babys und Kleinkinder, wie auch für Kinder, Jugendliche und Erwachsene. Bewegung führt nicht nur zu einer besseren Durchblutung der Muskeln und des Gehirns und regt das Wachstum und die Vernetzung der Hirnregionen an, sondern fördert auch das Zusammenspiel verschiedener Muskelgruppen miteinander, stärkt den gesamten Körper und macht obendrein gesund und beugt Krankheiten, wie beispielsweise einem Herzinfarkt vor.

Die Fakten

Wie steht es um die körperliche Fitness der nachwachsenden Generationen? Um diese Frage zukünftig auch wissenschaftlich beantworten zu können, hatte das Robert Koch-Institut (Berlin) sein Studienkonzept KIGGS entwickelt. Dabei wurden einheitliche, vergleichbare und überprüfbare Standards für die Erfassung gesundheitlicher Daten festgelegt. Die Finanzierung dieser, bislang nicht nur für Deutschland einmaligen Studie, übernahmen das Bundesministerium für Gesundheit, das Bundesministerium für Bildung und Forschung und das Robert Koch-Institut. Vertiefende Teilstudien wurden durch das Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz sowie das Bundesministerium für Umwelt und das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend finanziert.

Langzeitstudienergebnisse stehen noch aus

Die Ergebnisse der Folgeerhebung KIGGS Welle 1 im Teilbereich der Motorik werden noch ausgewertet und sind noch nicht veröffentlicht worden. Angesichts der aktuellen Datenlage können Einschätzungen zur Veränderung kindlicher Bewegungswelten daher nur sehr vorsichtig diskutiert werden und müssen anhand eines langfristigen Monitorings belegt werden.

Allerdings zeichnet sich nach aktuellem Kenntnisstand tatsächlich ein gewisser Abwärtstrend ab. Es bleibt aber abzuwarten, welches Bild die folgenden Erhebungen zeigen werden. Seit September 2014 setzt das Robert Koch-Institut die Datenerhebungen fort. KiGGS Welle 2 läuft bis Ende 2016 und wird wieder durch Studien-Module ergänzt.

Diese neu gewonnenen wissenschaftlichen Erkenntnisse werden von Wissenschaft, Medizin, Politik und Presse sehnsüchtig erwartet und können vielfach von Nutzen sein. So können Entwicklungstrends erfasst und komplexe Zusammenhänge ermittelt werden. Außerdem sind diese Erkenntnisse die Grundlage für politische Entscheidungen und helfen, die Wirksamkeit von gesundheitlichen Präventions- und Interventions-Maßnahmen zu überprüfen.

Beobachtungen aus täglicher Praxis

basta! hat nachgefragt – in Kindergärten, Sportvereinen und Schwimmbädern. Bei Menschen, die tagtäglich mit Kindern und Jugendlichen arbeiten und die Entwicklung seit Jahren an vorderster Front verfolgen.

Nora Eichholz arbeitet als Erzieherin im Bremerhavener Kindergarten St. Ansgar und betreut eine Schwerpunkt-Gruppe mit besonderem Förderbedarf. „Es gibt immer mehr motorisch auffällige Kinder. Besonders die Beweglichkeit und Ausdauer sind deutlich schlechter. Bei Ausflügen merkt man beispielsweise auch, dass die Kinder viel zu wenig laufen und fast nur noch mit dem Auto herumgefahren werden. Als Bewegungskindergarten achten wir aber besonders darauf, dass die Kinder ein vielfältiges Bewegungsangebot und eine spezielle Förderung bekommen. Doch in der Ausbildung zum Erzieher kommen die Beobachtung und Bewertung der Motorik grundsätzlich viel zu kurz. Das muss man sich mit der Zeit einfach selber beibringen – da sehe ich Verbesserungsbedarf.“

Rike Velden führt die Seepferdchen-Kurse im Bremerhavener Bad 2 durch und betont die Bedeutung des Schwimmens für die motorische Entwicklung: „Gerade beim Brustschwimmen ist volle Koordinationsfähigkeit gefragt – Arme, Beine, Atmung und der korrekte Bewegungsablauf mit der Grätsche – das alles muss perfekt zusammenpassen. Das fällt Kindern deutlich leichter, die schon mit ihren Eltern beim Babyschwimmen waren, als denen, die erst noch an das Element Wasser gewöhnt werden müssen. Die Angst ist ohnehin ein riesiges Problem. Dazu kommt, dass sich viele Eltern darauf verlassen, dass ihr Kind in der Schule schwimmen lernt. Dabei ist es nicht nur viel einfacher und stressfreier für kleinere Kinder, das Schwimmen zu lernen, sondern es ist eine lebensrettende Maßnahme! Außerdem verbessert Schwimmen das Körpergefühl, die Motorik, die Ausdauer und auch das Selbstvertrauen. Das ist nicht gegeben, wenn die Kinder nach stundenlangem Sitzen in der Schule Zuhause an der Spielkonsole sitzen und sich lieber in Daumenakrobatik üben, als aktiv zu sein.“

Sabine Eichholz arbeitet seit 1989 bei der Bädergesellschaft Bremerhaven und führt seit Jahren Schwimmkurse für Grundschulen durch. Sie beobachtet auch dort einen Negativtrend: „Ich habe das Gefühl, dass die Beweglichkeit bei Kindern immer mehr nachlässt. Außerdem ist es erschreckend, wie viele Kinder noch nie ein Schwimmbad von innen gesehen haben. Unsere erste Aufgabe ist, diese Kinder an das Element »Wasser« zu gewöhnen und ihnen die Angst zu nehmen. Ziel ist, dass alle wenigstens das Seepferdchen-Abzeichen schaffen. Doch nur mit dem Seepferdchen ist ein Kind noch kein sicherer Schwimmer – das ist nur eine gute Grundlage, um weiter zu machen. Das Wichtigste ist ohnehin die Regelmäßigkeit, mit der geschwommen wird: jede Woche oder wenigstens alle 14 Tage – das wäre wirklich wünschenswert!“

Gabi Kay kann auf einen Erfahrungsschatz von fünfzehn Jahren im TSV Lunestedt zurückgreifen und hat sich für den Reha-Sport weitergebildet. Zu ihr kommen Kinder mit den unterschiedlichsten Formen von Auffälligkeiten: Sprachschwierigkeiten, Koordinations- und Wahrnehmungsprobleme, aber auch Verhaltensauffälligkeiten. „In all den Jahren habe ich eine stetige Verschlechterung feststellen müssen. Kinder, die zur Einschulung keinen Hampelmann können, nicht auf einem Bein stehen oder locker hüpfen können – und es werden immer mehr, die das nicht hinbekommen. Besonders im Tanzen zeigen sich motorische Probleme ganz deutlich. Dabei hilft Bewegung bei sämtlichen Problemen – egal ob es sich um Sprach-, Koordinationsoder Konzentrationsprobleme handelt. Doch viele wissen gar nicht, wie gut Bewegung die Verknüpfung der linken und rechten Hirnhälfte fördert und »parken« ihre Kinder viel zu häufig vor der Spielekonsole oder dem Fernseher“, berichtet Gabi Kay.

„Die Kinder und Jugendlichen sind aber auch im Allgemeinen viel weniger aktiv“, sagt die erfahrene Übungsleiterin. „Ein oder zwei Stunden Sport in der Woche helfen da gar nicht, wenn sonst nichts Aktives unternommen wird – und das steht und fällt mit den Eltern! Damit meine ich aber nicht, dass die Kinder mit Terminen vollgepackt werden und vor lauter Stress keine Zeit mehr zum Spielen oder einfach einmal für sich alleine haben. Vielmehr sollte die ganze Familie zusammen in Bewegung kommen und den Spaß an einem aktiven Leben wiederentdecken.“

Angst ist laut Gabi Kay ebenfalls ein großes Thema. „Die Kinder sind oftmals motorisch sehr unerfahren und können ihren eigenen Körper nur schlecht einschätzen und kontrollieren. Viele haben sogar Angst, von einer dicken, weichen Matte »herunter zu fallen« – geschweige denn, dass sie sich trauen, auf einer umgedrehten Bank zu balancieren. Das liegt nicht selten an den Eltern, die den Kindern aus Angst verbieten, auf Bäume oder über Zäune zu klettern, über Gräben zu springen oder ähnliche Dinge, die eigentlich für Kinder ganz natürlich sein sollten.“

Gabi Kay sieht die Entwicklung zwar mit Sorge aber auch mit Zuversicht. Denn bei vielen Eltern scheint allmählich ein Umdenken einzusetzen. Denen wird es wohl so gehen, wie der engagierten Sportlehrerin: „Es ist einzigartig zu erleben, wenn Kinder etwas schaffen, das sie noch nicht konnten. Man spürt, wie die Persönlichkeit der Kinder in solchen Augenblicken wächst und das Selbstwertgefühl zunimmt.

Das Beste ist ohnehin, schon mit den Kleinsten Sport zu treiben – beispielsweise in einer Mutter-Kind-Gruppe für Kinder ab 1,5 Jahren. Damit schaffen Eltern die idealen Voraussetzungen für den weiteren Lebensweg ihres Kindes.“

KIGGS Studie
, www.kiggs-studie.de
Motorik-Modul, www.sport.kit.edu/MoMo/fuer_Medien_und_Experten.php
Schwimmkurse Bremerhaven, Die neuen Kurse starten am 01.02.2016, im BAD 1 und am 02.02.2016, im BAD 2, www.baeder-bhv.de
TSV Lunestdt, www.tsv-lunestedt.de


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