Big mother is watching you

GPS-Jacken, GPS-Tracker, Ortungs-Apps für das Smartphone, Uhren mit geheimer Abhörfunktion: Viele Eltern greifen bei der Erziehung und Sicherung ihrer Kinder zu Überwachungsmethoden, um die Kontrolle über sie zu behalten. Das Geschäft mit der Angst der Eltern ist ein lukrativer Markt, der im Zuge des technischen Fortschritts und der Digitalisierung wächst. In den Medien und sozialen Netzwerken wird den Eltern weisgemacht, die Welt sei gefährlicher denn je. Beim Betrachten der Fakten wird deutlich, dass Eltern grundlos die Persönlichkeitsrechte ihrer Kinder verletzen und damit ihre Entwicklung zur Selbstständigkeit beeinträchtigen. Die Bundesnetzagentur hat einige Produkte bereits aus dem Verkehr gezogen.

Big mother is watching you

Big mother is watching you (Foto: fizkes shutterstock.com)

»Little Nanny«, »Familonet«, »Nanny Kinder Tracker & Ortung« – das ist nur ein kleiner Auszug aus den App Stores, in denen es unzählige Applikationen zur Ortung von Kindern gibt. Die Verfolgung (engl. »tracking«) ihres Nachwuchses gehört für viele Eltern zum täglichen Leben dazu. Nach Schätzungen des schwedischen Marktforschungsunternehmens Berg Insight soll die Zahl der aktiven Benutzer von Familien-Tracking-Apps in Europa und Amerika 2016 bereits bei 70 Millionen gelegen haben. Die Apps sind dabei nur ein Teil eines gesamten Wirtschaftszweiges, der sich der Kindersicherheit widmet.

Diese Branche verdankt ihren Erfolg dem Geschäft mit der Angst. Laut einer repräsentativen Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov sind 70 Prozent der Eltern der Ansicht, die Welt sei für Kinder heute im Vergleich zur eigenen Kindheit gefährlicher geworden. Eine erstaunliche Wahrnehmung, die der Faktenlage widerspricht. Die Annahme einer gewachsenen Kriminalitätsrate ist eine Illusion. Wie aus der Polizeilichen Kriminalstatistik hervorgeht, wurden im Jahr 2016 in Deutschland 6.372.526 Straftaten registriert. 20 Jahre vorher lag die Zahl bei 6.647.598. Bis auf einen Anstieg in den ersten Jahren nach der Wende lassen sich keine Tendenzen feststellen, die auf ein gestiegenes Gefahrenpotenzial hindeuten. Außerdem ist die Zahl der polizeilich erfassten Missbräuche an Kindern – deren Mehrzahl ohnehin auf das Konto von Familienmitgliedern geht – von 2000 bis 2016 ebenfalls von 19.719 auf 14.051 gesunken.

Die Gründe für die Wahrnehmung der Eltern sind unsachlicher Natur, sie fußen auf einem Irrtum. Schuld daran ist die Kultur der Emotionalisierung, die die mediale Berichterstattung prägt. Das Geschäft mit der Angst betreiben neben den Verkäufern der Tracking-Apps und -Produkte auch Zeitungen und Verlage, die mit reißerischen, emotionsgeladenen Artikeln ihren Profit steigern. Jeder erinnert sich an berühmte Entführungs- oder Missbrauchsfälle, die mitunter Jahrzehnte zurückliegen, weil sie in den Medien ausführlich zur Schau getragen wurden. Damit werden unterschiedlichste Emotionen hervorgerufen, zumeist negative wie Zorn, Trauer, Mitgefühl und vor allem Angst. Erschwerend kommen die sozialen Netzwerke hinzu, auf denen sich Informationen rasant verbreiten – auch falsche: Im Juli letzten Jahres kursierte auf Facebook und Twitter die Nachricht, in Hamm seien von der bulgarischen Mafia zwölf Kinder entführt und der Entführer von der Polizei festgenommen worden. Die Polizei enttarnte die Nachricht schnell als »Fake News«, und doch demonstriert der Fall, wie ungefilterte Information eine Region in Angst versetzen kann.

Ihre Angst versuchen die Eltern mit Apps und Gadgets zur Verfolgung ihrer Kinder zu kompensieren. Die Sicherheitstools suggerieren ihnen, die Kontrolle über ihr Kind zu haben und es damit vor Gefahren zu schützen. „Möglicherweise ist in diesem Zusammenhang die Sicherheit, die technische Hilfsmittel geben sollen, aber nur eine vermeintliche, die eher den Eltern als den Kindern dient“, bemerkt Cordula Lasner-Tietze, Bundesgeschäftsführerin des Deutschen Kinderschutzbundes (DKSB). Wenn die Eltern wissen, wo sich ihr Kind befindet, ist es dadurch nicht sicherer. Hier und da lauern in der Öffentlichkeit Gefahren, aber die Risiken sind gering, wenn man lernt, sie einschätzen zu können. Dafür bedarf es an Selbstständigkeit – und die können Kinder nicht erlernen, wenn sie von ihren Eltern rund um die Uhr überwacht werden.

„Kinder benötigen Freiräume, so dass sie ihre Spontanität und Neugier ausleben können und ihre Entwicklung gestärkt wird. Das wiederum erfordert von den Eltern viel Vertrauen, damit Kinder diese Aufgaben gut meistern, sich aber auch entfalten können. Daher setzt sich der DKSB für ein ausgewogenes Maß bei der Erfüllung der Erziehungsverantwortung ein und setzt eher auf klärende Gespräche zwischen Eltern und Kindern als auf Überwachung“, so Cordula Lasner- Tietze. Der DKSB empfiehlt, dass sich die Gespräche am Alter und an der Entwicklung des Kindes orientieren sollen – daran, welche Situationen das Kind zu welchem Zeitpunkt bewältigen kann. „Immer wird es Wege und Orte geben, die nicht geeignet für Kinder sein können“, merkt die DKSB-Geschäftsführerin an. Die nach dem Ermessen der Eltern zu meidenden Orte sollten in Gesprächen mit dem Kind erörtert werden, anstatt generell Misstrauen zu hegen.

Uhren und Spielzeuge mit Spionage-Funktion wurden bereits verboten

Nicht nur aus der erzieherischen, sondern ebenso aus der rechtlichen Perspektive steht der Trend der Kinderverfolgung in der Kritik. Im November verbat die Bundesnetzagentur Kinderuhren mit Abhörfunktion. Die Behörde teilte mit, gegenwärtig Angebote aus dem Internet aus dem Verkehr zu ziehen. „Über eine App können Eltern solche Kinderuhren nutzen, um unbemerkt die Umgebung des Kindes abzuhören. Sie sind als unerlaubte Sendeanlage anzusehen“, stellte Bundesnetzagentur-Präsident Jochen Homann klar. Im gleichen Zuge forderte die Bundesnetzagentur Besitzer solcher Uhren dazu auf, diese zu vernichten und dazu einen Vernichtungsnachweis erstellen zu lassen. Bereits vor einem Jahr hatte die Bundesbehörde bekannt gegeben, dass sie gegen Kinderspielzeug mit unerlaubten funkfähigen Sendeanlagen wie Kameras oder Mikrofone vorgeht. Hierzu sagte Homann: „Es geht hier zugleich um den Schutz der Schwächsten in der Gesellschaft.“

Was auditive und visuelle Beobachtung betrifft, schob der Bund den verfolgungswilligen Eltern einen Riegel vor. Gegen Tracking-Apps wurde noch kein Verbot ausgesprochen. Ist in Zukunft damit zu rechnen? „Wir können als Bundesnetzagentur auf der Grundlage des Telekommunikationsgesetztes nicht gegen Apps an sich vorgehen“, erklärt Olaf Peter Eul von der Bundesnetzagentur auf Nachfrage. „Die Ortung an sich verstößt nicht gegen das Telekommunikationsgesetz, da hierbei keine Sprachdateien oder Bilder übertragen werden.“ Seit 2009 steht jedoch ausdrücklich in besagtem Gesetz geschrieben, dass der Teilnehmer, dessen Standort weitergegeben wird, „seine Einwilligung ausdrücklich, gesondert und schriftlich gegenüber dem Anbieter des Dienstes mit Zusatznutzen erteilen“ muss (TKG § 98 Abs. 1).

Zudem muss die Kinderüberwachung nicht zwingend als Angelegenheit der Bundesnetzagentur bewertet werden. Auch für das Bundesverfassungsgericht liefert die Thematik Streitpunkte. So lässt sich mit erheblichen Verstößen gegen die Persönlichkeitsrechte argumentieren. Eltern verletzen mit ihrem Kontrollwahn die Rechte auf die freie Entfaltung der Persönlichkeit (Art. 2 Abs. 1 GG) und die Unantastbarkeit der Würde (Art. 1 Abs. 1 GG). Demnach müssten sämtliche Kontrollgadgets illegal sein. Kinderschützerin Cordula Lasner-Tietze rät: „Überwachungsfreie Spiel- und Erfahrungsräume sind wichtig, damit sich Kinder in ihren Kompetenzen erleben und bestätigt fühlen können.“ Wenn Eltern durch Gespräche mehr Vertrauen zu ihrem Kind aufbauen, dann kommen sie auch ganz ohne Überwachung aus.

Weitere Informationen zu dem Thema finden Sie unter:
www.bundesnetzagentur.de
www.dksb.de

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