Durchgeplante Kindheit – Wie Optimierungswahn Kindern schadet

Der Terminkalender von Kindern lässt heutzutage kaum noch Raum für eine Verschnaufpause. Die Aufgaben reihen sich aneinander und das Kind hat kaum noch Zeit für sich selbst. Übereifrige Eltern planen das Leben ihrer Sprösslinge akribisch durch. Sie glauben sich in ihrem Erziehungsauftrag zu professionalisieren, lesen Elternratgeber und folgen auf Studien basierten pädagogischen Maßnahmen und Methoden. Sie wollen vermeintlich nur das Beste für ihr Kind und legen alles daran, das Potential ihres Sprösslings voll auszuschöpfen. Doch hat dieser Optimierungswahn negative Aspekte.

Durchgeplante Kindheit (shutterstock.com: alphaspirit)

Durchgeplante Kindheit (shutterstock.com: alphaspirit)

Nach acht Stunden Schule und AGs warten der Gitarrenunterricht, das Fußballtraining und die Hausaufgaben. Kein Wunder, dass es den Kindern irgendwann zu viel wird. Eine Studie der DAK belegt, dass fast jeder zweite Schüler (43 %) unter Stress leidet. Die frühen Lebensjahre, in denen das Spiel mit Kameraden und eine gewisse Leichtigkeit den Alltag prägen soll, werden zur Last, zur durchgeplanten Vorstufe eines erfolgs- und zielorientierten Erwachsenendaseins. Die Kinder klagen über Kopf-, Bauch und Rückenschmerzen oder Schlafprobleme und Schwindel – alles klassische Burn-Out Symptome. Ausgelöst werden die Beschwerden durch Mobbing, den Leistungsdruck oder schlechte Noten – beziehungsweise die Angst der Eltern vor der Reaktion auf schlechte schulische Leistungen. Leiden Kinder unter Stresssymptomen, ist Hilfe unbedingt erforderlich. Doch interpretieren viele Eltern die Warnzeichen falsch oder merken gar nicht, was das Problem ist – oder wer: und das sind leider allzu oft sie selbst, wie aus einer Untersuchung der Universität Bielefeld von 2015 hervorgeht.

Der hohe Leistungsdruck der Eltern setzt die Kinder unter ständigen Stress und anstatt zu helfen, verschlimmern sie die Situation nur. Wenn die Leistungen in der Schule abfallen, reagieren viele Eltern mit Förderunterricht oder Nachhilfe, was das Leiden des Kindes nur weiter verstärkt. In einer Studie der Bertelsmann Stiftung stellte man fest, dass deutsche Eltern etwa 900 Millionen Euro jährlich für Nachhilfe ausgeben. 1,2 Millionen Schüler werden so neben der Schule privat unterstützt. Diese Förderung dient allerdings nicht immer der Prävention von schlechten Noten. Mehr als ein Drittel der Schüler erbringt bereits befriedigende bis sehr gute Leistungen, das ist den Eltern aber oftmals nicht gut genug. Sie erwarten ein Maximum an Leistung von den Kindern – und zwar in allen Belangen.

Zusätzlich wird neben der Schule leistungsorientiert erzogen. Mit AGs, Sport und dem Erlernen eines Musikinstruments wird jede freie Minute genutzt, um das Kind zu kultivieren. Für sich genommen, sind die einzelnen Maßnahmen auch sicherlich förderlich für das Kind, vor allem wenn das Tun aus dem eigenen Interesse des Kindes erwächst. Allerdings ist die schiere Anzahl der Betätigungen, gerade wenn sie primär von den Eltern gewollt sind, eher schädlich. Irgendwann übernimmt das Kind den Leistungsgedanken der Eltern und leidet unter der Angst, dem Anspruch der Eltern nicht zu genügen und sie zu enttäuschen, was weiteren Druck ausübt.

Zusätzlich leidet die Persönlichkeitsentwicklung unter dieser »Terminkindheit«. Dr. Alma von der Hagen- Demszky, von der Ludwig-Maximilians-Universität München schreibt in ihrer Studie Familiale Bildungswelten: „Terminkinder sind oft gestresst und hetzen von einem extern vorgegebenen Termin zum anderen. Zudem führen sie ihre Aktivitäten nicht in Eigenregie aus und sind auf Erwachsene angewiesen, wodurch sich bei diesen Kindern Kompetenzen für die Gestaltung der eigenen Zeit weniger entwickelt.“ Außerdem leidet auch die soziale Kompetenz unter der wechselhaften Freizeitgestaltung – die letztendlich nur wenig mit wirklicher Freizeit zu tun hat, denn „Kinder gehen immer seltener ganzheitliche Beziehungen ein und erleben ihre jeweiligen Gegenüber ausschnitthaft und austauschbar“, schreibt sie.

Die Professionalisierung der Eltern

Was sind die Gründe dafür, dass Eltern ihre Kinder so akribisch fördern? Zum einem liegt es an der demografischen Entwicklung, stellt Claudia Becker in ihrem Artikel »Optimierte Kindheit« in der Welt (28.02.2016) fest. In Deutschland liegt die Geburtenrate bei 1,4 Kindern je Frau. Diese Kinder werden zu Investitionsobjekten, in die viel Förderung gesteckt wird. Dabei spielt der eigene Optimierungswahn der Eltern, selbst »Superpädagogen« sein zu wollen, eine große Rolle. Die Gesamterwartungen werden auf das Kind projiziert, die Mühen der Eltern sollen sich in der Entwicklung des Kindes niederschlagen als Muster für ein erfolgreiches Leben.

Die Eltern beginnen mit der zielgerichteten Förderung des Kindes bereits im Säuglingsalter. Besonders ehrgeizige Eltern beschallen ihr Baby mit CDs, auf denen Kinderlieder oder Klassische Musik zu finden sind, oder gar mit Audioprodukten, die ihnen das Zählen oder Frühenglisch vermitteln sollen, beschreibt es Claudia Becker. Jede Studie, die im Sinne einer Optimierung halbwegs Sinn macht, wird von den Eltern herangezogen um das Kind zu erziehen, anstatt dem Kind auch die Freiräume zur Entwicklung einzuräumen, die es braucht.

Selbstständigkeit fördern – Entwicklungs-Freiräume schaffen

Waldorfschulen und Montessori-Pädagogik erlebten in den letzten zwanzig Jahren einen regelrechten Boom. Keine Noten, kein Sitzenbleiben – das bedeutet weniger Stress und mehr Raum für selbstbestimmtes Lernen. Aber wie sieht so ein alternativer Lehransatz aus? In einem Interview mit dem Blog »stadtlandmama« spricht Christian Grune, Diplom-Pädagoge und Vorstandvorsitzender der Montessori Stiftung Berlin, über die Besonderheiten der Montessori Pädagogik. Auf die Frage, welche Eigenschaften der Kinder bei Montessori besonders gefördert werden antwortet Grune: „Montessori-Pädagogik fördert Eigensinn und Verantwortungsbewusstsein, Kreativität, Begeisterungsfähigkeit und Mitgefühl. Die Kinder entwickeln einen Sinn für sich, der immer auch die Gemeinschaft im Blick hat, in der sie leben. Sie lernen selbständig zu denken, zu handeln und für ihre Interessen einzustehen. Wer möchte, dass Kinder tun, was man sagt, ist hier falsch. Wer hingegen den lebendigen Austausch mit Kindern schätzt, die kreativ sind und kritisch denken, wird seine wahre Freude haben.“ Die Eltern erfüllen dabei eher eine unterstützende als eine leitende Funktion, denn „jedes Kind wird neugierig geboren und möchte unbedingt die Welt mit allen Sinnen erfahren. Es entdeckt voller Tatendrang alles um sich herum, es lernt wie von selbst laufen und sprechen, durch Beobachtung, Erfahrung und Nachahmung. Die Eltern behalten es im Blick, passen auf, dass es sich keinen Gefahren aussetzt, geben Hilfestellungen. Das ist genau die Art des Lernens, die Montessori- Pädagogik aufgreift und fortführt: selbstbestimmt die Welt erfahren, innerhalb eines geschützten Rahmens, der sich nach und nach weitet. Das ist die natürliche Form des Lernens“, sagt Grune.

Mehr Informationen zur Montessori- Pädagogik sind zu finden, unter: www.montessori-stiftung.de

Veranstaltungskalender

24.03.2018 - 19.01.2038, ganztägig
04.08.2018 - 04.06.2019, ganztägig
19.04.2019 - 11.06.2026, ganztägig
22.05.2019 - 21.07.2019, ganztägig
23.05.2019 - 22.07.2019, ganztägig
24.05.2019 - 23.07.2019, ganztägig
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