Ethik statt Religion?

»Ethik ist wichtiger als Religion« – so lautet die Botschaft eines Buches mit Schriften des Dalai Lama. Die Aussage findet viele Befürworter. Die Forderungen nach der Einführung eines Ethikunterrichts als ordentliches Lehrfach in der Grundschule werden immer lauter. Eine Entscheidung des Bundesverfassungsgerichtes trübte zuletzt die Hoffnung auf eine verpflichtende Alternative zum Religionsunterricht. Dort war eine dreifache Mutter aus Freiburg mit ihrer Beschwerde gescheitert. Es gibt jedoch Hoffnung: Ein Modellversuch in Niedersachsen könnte in Zukunft den Weg für den Ethikunterricht in der Grundschule ebnen.

Ethik statt Religion?

Ethik statt Religion? (Foto: Anastasios71 shutterstock.com)

Religion ist Privatsache, niemand darf wegen seiner Konfession benachteiligt werden. „Es besteht keine Staatskirche“, so steht es kurz und knapp in Art. 140 GG. Mit dem Gesetz aus dem Jahre 1919 hat die Regierung das Staatskirchen-System abgeschafft. Deshalb darf auch kein Lehrer verpflichtet werden, das Fach Religion gegen seinen Willen in der Schule zu unterrichten. Diese Regel wurde in Art. 7 Abs. 3 GG festgehalten. Im gleichen Absatz heißt es allerdings auch: „Der Religionsunterricht ist in den öffentlichen Schulen mit Ausnahme der bekenntnisfreien Schulen ordentliches Lehrfach. Unbeschadet des staatlichen Aufsichtsrechtes wird der Religionsunterricht in Übereinstimmung mit den Grundsätzen der Religionsgemeinschaften erteilt.“

Das bedeutet vor allem: Religion ist als einziges Fach im Grundgesetz geschützt. Und: Lehrer können nicht zum Religionsunterricht gezwungen werden, Schüler schon. Erst ab dem 14. Lebensjahr besteht laut Gesetz die uneingeschränkte Religionsmündigkeit. Vorher können die Eltern über die Teilnahme am Religionsunterricht entscheiden, in Bayern und im Saarland bedarf der Wunsch des Kindes auf Nichtteilnahme am Religionsunterricht sogar noch bis zum 18. Lebensjahr der Zustimmung der Eltern. Die Begründung: Die Kinder seien in der Entwicklung noch nicht so weit, diese Entscheidung selbst zu treffen.

Das Argument der Religionsmündigkeit kann gleichermaßen auch gegen den Religionsunterricht in der Grundschule verwendet werden. Tenor: Wenn Heranwachsende wirklich erst ab dem 14. Lebensjahr in der Lage sein sollten, über ihre Religionszugehörigkeit zu entscheiden, erscheint es suspekt, dass sie dennoch schon vorher in Religion unterrichtet werden. Schließlich ist Religion qua Gesetz Privatsache.

Ist bekenntnisfreier Unterricht also die einzig richtige Wahl für ein säkularisiertes Schulsystem? Ein Großteil der Deutschen beantwortet diese Frage mit „ja“ und plädiert für eine Änderung im Bildungssystem. Bei einer repräsentativen YouGov- Umfrage im Jahr 2016 stimmten 69 % der Befragten für einen gemeinsamen Werteunterricht anstatt des Religionsunterrichts.

Nicht nur konfessionslose Eltern sehnen sie sich nach einem Fach, in dem ihren Kindern gesellschaftliche Werte und Normen vermittelt werden: sozialer Umgang, demokratische Werte, respektvolles Auftreten und alles, was das Zusammenleben erleichtert.

Konfessionslose bilden die Mehrheit

Unbeeindruckt von der wachsenden kulturellen Vielfalt in Deutschland und der Säkularisation haben die starren Regeln bis heute Bestand: Konfessionsgebundener Religionsunterricht gilt als ordentliches Lehrfach – und die Kirche gibt vor, was gelehrt wird. Doch gelebte Religion findet in immer weniger Familien statt. Mittlerweile liegt der Anteil der Konfessionslosen nach Berechnungen der Forschungsgruppe Weltanschauungen Deutschland bei 36 % (28,9 % römisch-katholisch; 27,1 % evangelisch; 4,4 % muslimisch; 3,6 % andere Religionsgemeinschaften). Immer mehr Menschen haben keinen Bezug zur Kirche und erziehen ihren Nachwuchs daher auch nicht religiös. Als Konsequenz melden sie ihre Kinder vom Religionsunterricht ab. Und dann? In vielen Fällen bleibt den Grundschülern nur eine ersatzlose Freistunde unter Aufsicht. Aus Mangel an Alternativen nehmen daher auch viele konfessionslose Kinder weiterhin am Religionsunterricht teil.

Einige Schulen bieten als Ersatz bereits das Unterrichtsfach Ethik an – viele allerdings erst ab der Sekundarstufe I. In Niedersachsen müssen Schulen ab der 5. Klasse bei einer Teilnahme von mindestens zwölf Schülern das Fach »Werte und Normen« einführen. Wie in Baden-Württemberg, Mecklenburg- Vorpommern, Bayern, Hessen, Rheinland- Pfalz, Saarland und Schleswig-Holstein gilt Werte und Normen (auch »Philosophie« oder »Ethik«) in Niedersachsen als Ersatzfach und genießt damit nicht den Status eines ordentlichen Lehrfachs. Eine Gleichstellung mit dem Fach Religion gibt es de facto in Hamburg, Nordrhein-Westfalen, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen. Dort kann zwischen den beiden Unterrichtsfächern gewählt werden, allerdings muss dafür eine Abmeldung vom Religionsunterricht erfolgen.

Sonderfälle sind Brandenburg, Berlin und Bremen. In Berlin ist Ethik ein ordentliches Lehrfach, dagegen können Religion oder Humanistischer Lebenskundeunterricht freiwillig hinzugewählt werden. In Brandenburg zählt Lebensgestaltung-Ethik-Religionskunde zu den Pflichtfächern, Religion und Humanistische Lebenskunde werden ergänzend oder als Ersatz angeboten. Im Land Bremen heißt das Fach seit 2014 nicht mehr „Biblische Geschichte“, sondern wieder „Religion“. Der Unterricht ist bekenntnisfrei, die Inhalte können nicht von den Religionsgemeinschaften bestimmt werden. Die drei Bundesländer mit den Ausnahmeregelungen berufen sich auf die „Bremer Klausel“ in Art. 141 GG. Sie besagt, dass Religion in Ländern, in denen am 1. Januar 1949 eine anderweitige Regelung bestand, kein ordentliches Lehrfach ist. In Berlin und Brandenburg zählt Religion auch in der Grundschule nicht zum Curriculum. In den anderen Bundesländern schon. Religion ist verpflichtend, das Fach Ethik kein Muss.

Klage auf Einführung des Ethikunterrichts scheitert vor dem Bundesverfassungsgericht

Die dreifache Mutter und promovierte Philosophin Anna Ignatius wollte die Alternativlosigkeit des Religionsunterrichts in der Primarstufe nicht auf sich beruhen lassen. Deshalb stellte die Freiburgerin beim Kultusministerium Baden-Württemberg einen Antrag auf die Einführung von Ethikunterricht in der Grundschule. Sie habe das Recht auf eine ethisch-moralische Bildung ihrer Kinder, auch für Konfessionslose müsse es ein festes Bildungsangebot geben. Es folgte die Ablehnung, woraufhin Ignatius 2014 vor dem Bundesverwaltungsgericht eine Anklage erhob, die 2014 ebenfalls scheiterte. In letzter Instanz wies schließlich Ende 2017 auch das Bundesverfassungsgericht ihre Klage ab – aus formellen Gründen: Die Verfassungsbeschwerde sei nicht ausreichend begründet.

Das Gericht schrieb in der Erklärung zur Ablehnung einer Entscheidung unter anderem: „Der Religions- und der Ethikunterricht zielen auch nicht auf die Vermittlung der gleichen Lerninhalte. Mit der Garantie des Religionsunterrichts sichert der Verfassungsgeber den Religionsgemeinschaften vielmehr die besondere, in der Religion begründete und selbstbestimmte Aufgabe der religiösen Erziehung der Kinder in der öffentlichen Schule.“ Hier wird klar, dass der Religionsunterricht vor allem als Profit für die Religionsgemeinschaften betrachtet wird, nicht aber als Mehrwert für die Bildung der gesamten Schülerschaft. Die Trennung nach Konfessionen stört außerdem das Gruppengefüge und setzt bei den Kindern falsche soziale Impulse – und das in einer Zeit, in der Integration wichtiger denn je ist.

Das Land Niedersachsen hat sich den stärker werdenden Forderungen seitens der Eltern zuletzt gebeugt. Zum laufenden Schuljahr startete eine Testphase an acht Grundschulen in Niedersachsen, an denen das Fach Werte und Normen an Stelle von Religion belegt werden kann. „Wir vernehmen vermehrt den Wunsch von Eltern nach einem Alternativfach für Grundschülerinnen und Grundschüler, die nicht an einem bekenntnisorientierten konfessionellen Religionsunterricht teilnehmen möchten“, erklärte die ehemalige Kultusministerin Frauke Heiligenstadt den Schritt, fügte aber dennoch hinzu: „Dem Religionsunterricht kommt eine besondere Rolle zu und zu dieser bekennt sich die Landesregierung ausdrücklich. Der Religionsunterricht ist als einziger Unterricht grundgesetzlich verankert und hat auch im Niedersächsischen Schulgesetz einen besonderen Stellenwert.“ Von einem säkularisierten Schulsystem wie in Luxemburg ist Deutschland noch weit entfernt. Seit diesem Schuljahr gibt es im Beneluxland an staatlichen Schulen keinen Religionsunterricht mehr, stattdessen werden die Schüler dort gemeinsam in „Leben und Gesellschaft“ unterrichtet.

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