Im Rausch der Sinne. Was Zucker mit unseren Kindern macht

Kinder sind süß und lieben Süßes. Verwöhnt man sie damit, zaubert man schnell ein glückliches Lächeln auf ihre kleinen Gesichter. Schafft man als Eltern den Spagat zwischen sowohl gesundem als auch für Kinder attraktivem Essen, ist alles bestens. Also ein Brötchen mit Nutella und etwas Kakao zum Frühstück, im Kindergarten Obst und Apfelsaftschorle und zum Mittagessen ein Fruchtquark und vier Vollkornkekse. Vitamine, Milch, Getreide und etwas Zucker für den Energiehaushalt – da ist alles dabei, was ein Kind an täglicher Ernährung für ein gesundes Aufwachsen braucht. Oder?

Fotos: Ollyy Shutterstock.com (Junge), Madlen Shutterstock.com (Bunter Streuzucker)

Eher nicht. Laut einer Studie von Öko-Test enthalten die oben genannten Nahrungsmittel insgesamt 44 Gramm Zucker – das sind ganze 14,5 Stückchen Würfelzucker. Das Forschungsinstitut für Kinderernährung (FKE) empfiehlt eine maximale Menge von 14,9 Gramm Zucker bei Einjährigen und von 16,6 Gramm beziehungsweise nicht mehr als fünfeinhalb Stück Würfelzucker bei Zwei- bis Dreijährigen.

Gravierende Nebenwirkungen

Die Nebenwirkungen von einem Zuviel an Zucker sind hinreichend bekannt: Viele Kinder haben bereits im Grundschulalter mit Karies zu kämpfen. Nahezu 20 Prozent der Kinder und Jugendlichen in Deutschland sind übergewichtig, über sechs Prozent sogar adipös – das macht einen Anstieg von 50 Prozent seit den 80er und 90er Jahren. Krankheiten wie Diabetes, Gelenkprobleme, Bluthochdruck und Herzerkrankungen sind die Folge.

Allein die Eltern für eine falsche Ernährung ihrer Kinder in die Verantwortung nehmen zu wollen, wäre ungerecht. Der Lebensmittelmarkt trägt eine Mitverantwortung. Zucker und künstliche Aromen prägen bereits die Kleinsten auf den Geschmack von industrieller Fertigkost und zuckerhaltiger Nahrung. Selbst Eltern, die versuchen ihre Kinder bewusst und gesund zu ernähren, haben gegen die Kindernahrungsmittelindustrie kaum eine Chance: Breie, Pulver und Tees für Kleinkinder sind regelrechte Zuckerbomben, was selbst bei genauerem Hinsehen auf die Zutatenliste kaum erkennbar ist.

Ein umfassender Marktcheck von foodwatch hat gezeigt, dass das Angebot an industriellen Kinderlebensmitteln fast ausschließlich aus Snacks und Süßigkeiten besteht. Die attraktive Aufmachung der Kinderprodukte ist Absicht: die Verpackungen und oft auch der Inhalt sind bunt, auf den Etiketten finden sich neben den Kindern bekannten Comicfiguren Schlagworte wie »wertvoll«, »gesund« und »nahrhaft«, oft werden noch Spielzeuge oder lustige Gimmicks mit dem Produkt verpackt – Das verführt die Eltern zum Kauf.

Zucker-Bomben

Verschwiegen wird gern, wie viel Zucker im Produkt wirklich enthalten ist: Speziell Frühstückscerealien, auf deren Verpackung explizit betont wird, wie wichtig Getreide für die Ernährung ist, enthalten bis zu 42 Prozent Zucker. Gesundes Getreide findet sich in diesen Lebensmitteln eher wenig, wie die Stiftung Warentest herausgefunden hat. Geht man also von einer Empfehlung von 25 Gramm zugesetztem Zucker pro Tag für ein Kind im Grundschulalter aus, würden bereits Frühstücksflocken, Kindersmoothies und ein Fruchtquark den Tagesbedarf überschreiten – dabei klingen die Produkte doch so gesund.

Zucker – das neue Heroin

Doch es kommt noch schlimmer. Jüngste Studien aus den USA geben Anlass zu der Vermutung, dass Zucker auf den Körper ähnlich suchterregend wirkt wie Heroin. Ebenso wie die Droge löst Zucker im Lustzentrum des Gehirns die Ausschüttung von Dopamin und Opioiden aus, so die Forscher der Princeton University. Dopamin sorge als Triebkraft für die Drogensucht und Opioide wirken beruhigend, beziehungsweise – im Fall von Heroin – betäubend. Im Test mit Ratten zeigten die Tiere Entzugserscheinungen von Zucker wie Ängste, Zähneklappern und Fiepen. Nachdem die Ratten wieder Zugang zu Zucker erhielten, nahmen sie innerhalb der ersten Stunde nach dem Entzug ganze 30 Prozent mehr zu sich als vor dem Versuch. Zudem konnte in ihren Gehirnen ein schnelleres Wachstum der Dopamin-Rezeptoren festgestellt werden. Ähnliche Wirkungen wie bei den Tieren können Eltern auch an ihrem Nachwuchs erleben, wenn sie ihnen Schokoriegel und süße Softdrinks einfach einmal verbieten wollen: Trotz, Wut, Verzweiflung bis hin zum heimlichen Ausgeben des gesamten Taschengelds für süße Snacks.

Die Wirtschaft hat dies längst erkannt. „Die Industrie will Kinder so früh wie möglich auf ungesundes Junkfood programmieren“, so foodwatch. Der Grund dafür liege in der Begeisterung von Kindern für Buntes und Süßes. Gesunde Produkte an das Kind als Verbraucher bringen zu wollen, lohne sich nicht. Denn während sich mit Obst und Gemüse Gewinnmargen von weniger als fünf Prozent erzielen ließen, lägen die Umsatzrenditen von Süßwaren, Softdrinks und Snacks bei über 15 Prozent. Das Werbebudget der Industrie für Schokolade, Süßwaren und Eiscreme betrug allein in 2011 rund 723 Millionen Euro – also hundertmal mehr als für Obst und Gemüse. Selbst zu Kindergärten und Schulen, die eigentlich als »geschützte Räume« gelten sollen, verschafft sich die Werbeindustrie Zugang: ob auf Arbeitsblättern für Lehrer mit dem Logo eines Pudding-Herstellers oder über das Sponsoring von Kinderveranstaltungen durch Schokoladenproduzenten.

Die Eltern sind gefragt

Sind Eltern deshalb machtlos, wenn es um die Ernährung ihrer Kinder geht? Mitnichten. Entgegenwirken können Eltern, indem sie weitgehend auf Fertigprodukte und vor allem spezielle Kinderprodukte verzichten. Natürlich möchten Eltern keine Spaßverderber sein, denn gegen hin und wieder etwas Buntes und Süßes ist nichts einzuwenden. Aber Kinder brauchen einfach keine andere Ernährung als Erwachsene – am Ende bleibt auch Bärchen-Wurst einfach nur Wurst und kostet zudem mehr als die »erwachsene« Version, ist aber um keinen Deut wertvoller oder gesünder. Und warum nicht die Methoden der Industrie selbst nutzen? Eine Karotte mit geschnitztem Gesicht oder die gemeinsame »Jagd auf die Frucht« im Selbstpflück-Erdbeerfeld machen mehr Spaß als die kurzweilige Unterhaltung, die Plastikteile aus der Frühstücksflocken-Packung bieten können.

www.foodwatch.de
www.test.de
www.oekotest.de

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