Lern- und Entwicklungsstörungen – Legasthenie und Dyskalkulie frühzeitig erkennen

Bei Legasthenie und Dyskalkulie handelt es sich um Lern- und Entwicklungsstörungen. Die Legasthenie beschreibt eine erhebliche Beeinträchtigung der Lese- und Rechtschreibfähigkeit, die Dyskalkulie ist eine Störung, bei der Kinder große Schwierigkeiten beim Rechnen, im Umgang mit Zahlen und Mengen haben. Legasthenie tritt mit einer Häufigkeit von 4-5 % auf, bei der Dyskalkulie sind es 5-7 %. Damit handelt es sich bei beiden Lern- und Entwicklungsstörungen um recht häufige Erscheinungen. In einer Klasse mit 30 Kindern finden sich rechnerisch ein Legastheniker und mindestens ein Kind mit Dyskalkulie.

Lern- und Entwicklungsstörungen (Levranii shutterstock.com)

Lern- und Entwicklungsstörungen (Levranii shutterstock.com)

Die meisten Menschen können mit dem Begriff der Legasthenie in der Regel etwas anfangen. Sie verstehen Legasthenie als Störung der Lese- und Rechtschreibfähigkeiten des Kindes. Obwohl die Dyskalkulie häufiger vorkommt, ist diese Erscheinung weniger bekannt. Dyskalkulie beschreibt eine Lern- und Entwicklungsstörung, bei der die Betroffenen große Schwierigkeiten mit dem Rechnen haben. Sie gewinnen nur langsam einen Begriff von Zahlen und Mengen und es kostet sie große Mühe, damit umzugehen. Während nicht von Dyskalkulie betroffene Kinder nach und nach ein automatisiertes Rechnen entwickeln und ein Gefühl für Zahlen und Mengen aufbauen, haben Betroffene damit größte Schwierigkeiten.

Die Internationale statistische Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme ICD 10 beschreibt es so: „Diese Störung bezeichnet eine Beeinträchtigung von Rechenfertigkeiten, die nicht allein durch eine allgemeine Intelligenzminderung oder eine unangemessene Beschulung erklärbar ist. Das Defizit betrifft vor allem die Beherrschung grundlegender Rechenfertigkeiten wie Addition, Subtraktion, Multiplikation und Division.“

Darin, wie auch in der Definition der Legasthenie stecken viele gute Nachrichten. Die wichtigste, die sich betroffene Eltern vergegenwärtigen müssen, ist, dass ihr Kind nicht dümmer ist als andere. Beide Lern- und Entwicklungsstörungen sind nicht durch einen Intelligenzmangel bedingt. Das ICD 10 formuliert zur Lese- und Rechtschreibstörung: „Das Hauptmerkmal ist eine umschriebene und bedeutsame Beeinträchtigung in der Entwicklung der Lesefertigkeiten, die nicht allein durch das Entwicklungsalter, Visusprobleme oder unangemessene Beschulung erklärbar ist. Das Leseverständnis, die Fähigkeit, gelesene Worte wiederzuerkennen, vorzulesen und Leistungen, für welche Lesefähigkeit nötig ist, können sämtlich betroffen sein.“

Es gibt auch eine isolierte Rechtschreibstörung, bei der weniger das Lesen und Erfassen der Worte ein Problem ist, sondern eher das Buchstabieren und die Wortschreibung betroffen sind. Ebenso ist eine isolierte Lesestörung bekannt. Zumeist aber treten Lese- und Rechtschreibstörungen gemeinsam auf.

Die Wahrscheinlichkeit, eine Legasthenie zu entwickeln, ist bei Kindern mit einem legasthenischen Elternteil deutlich erhöht. Es scheint hier also eine genetische Komponente nachweisbar zu sein. Die eigentlichen funktionellen Ursachen liegen auf einer neurologischen Ebene: Betroffene Kinder können Wortgestalten und Buchstaben schlechter erkennen, weil die Verarbeitung optischer Reize nicht sensibel genug und nicht schnell genug funktioniert. Damit sind keine optischen Störungen gemeint, die mit einer Sehhilfe ausgeglichen werden können. Es handelt sich um funktionale Störungen im Gehirn. Kinder, die Worte nicht in unterschiedliche Laute zerlegen können, können diese nicht sinnentnehmend erlesen und auch nicht lautgetreu wiedergeben – selbst bei Worten, die sie in ihrem Sprachalltag problemlos verwenden, verlieren sie sich zwischen den Buchstaben.

Nicht jede Leseschwäche ist gleich eine Entwicklungsstörung. Die Leistungsabweichung vom Klassenmittel muss schon sehr groß sein, um den Verdacht einer Legasthenie zu begründen. Eine Faustformel kann lauten: Der Verdacht auf Legasthenie besteht dann, wenn das Kind deutlich schlechtere Leistungen abliefert als die Gruppe der leistungsschwachen Schülerinnen und Schüler. Die Diagnose der Legasthenie erfolgt in der Regel durch speziell ausgebildete Neurologen, Kinder- und Jugendpsychiater und Kinderpsychologen.

Je früher eine Lern- und Entwicklungsstörung festgestellt wird, desto besser können Schule und Eltern den bestehenden Defiziten mit gezielten Fördermaßnahmen begegnen. Im Rahmen der Therapie kommen häufig individuelle Lerntrainings zur Anwendung oder die Arbeit in Kleingruppen. Hier werden die Schwächen gezielt angegangen, denn auch unter den betroffenen Kindern haben diese Krankheitsbilder unterschiedliche Ausprägungen. Mit einer frühen und gezielten Therapie können die Folgen der Entwicklungsstörungen häufig gut überwunden werden.

Dass Dyskalkulie, obgleich weiter verbreitet als Legasthenie, weniger bekannt ist, liegt an der überragenden Bedeutung des Lesens und Schreibens für nahezu alle Schulfächer. Liegt hier eine Störung vor, manifestiert sie sich überall. Demgegenüber betrifft die Dyskalkulie „nur“ den Umgang mit Zahlen und Mengen.

Auch bei der Dyskalkulie besteht der Verdacht, dass genetische Ursachen vorliegen könnten. Ein belastbarer Beweis für diese recht sichere Annahme liegt aber noch nicht vor. Gesichert ist, dass es sich um eine Störung der Wahrnehmungs- und Verarbeitungsprozesse im Gehirn handelt. Im Rahmen der therapeutischen Ansätze finden Wahrnehmungstrainings daher immer häufiger Beachtung. Die Therapie der Dyskalkulie kann nicht mit den üblichen Förderinstrumenten erfolgen. Die Barrieren sind nicht intellektueller sondern neurologischer Art. Nachhilfe und Förderunterricht gehen daher am Bedarf der Betroffenen vorbei und dienen vor allem bei Lernschwächen als Unterstützungsmaßnahmen.

„Die möglichst frühzeitige individuelle Lernförderung, unter Umständen bereits im Kindergartenalter, kann bei einer diagnostizierten Rechenstörung den Verlauf maßgeblich positiv beeinflussen. Im gezielten Lerntraining, kombiniert mit psychotherapeutischer Arbeit, werden individuell passende Lernstrategien entwickelt und die seelische Stabilität gefördert“, so der Bundesverband Legasthenie und Dyskalkulie e.V. auf seiner Internetseite.

Wer bei seinem Kind eine der beiden Lern- und Entwicklungsschwächen vermutet, sollte sich den Rat speziell ausgebildeter Ärzte und Therapeuten suchen. In den meisten Verdachtsfällen liegt eine vorübergehende Lernschwäche vor, die andere als neurologische Ursachen hat. Als Einstieg und weiterführende Quelle für Interessierte und Betroffene ist die Internetseite sowie das Beratungstelefon des Bundesverbands Legasthenie und Dyskalkulie sehr zu empfehlen. Sie ist sehr gut untergliedert und bietet neben eigenen Informationen und Quellen auch zahlreiche Verweise – so auch auf Ärzte und Therapeuten mit besonderer Sachkunde.

Informationen:
Bundesverband Legasthenie und Dyskalkulie e.V.
www.bvl-legasthenie.de

Beratungsangebote:
Bremen: www.rebuz.bremen.de
Niedersachsen: www.legasthenie-verband.de

Veranstaltungskalender

24.03.2018 - 19.01.2038, ganztägig
04.08.2018 - 04.06.2019, ganztägig
19.04.2019 - 11.06.2026, ganztägig
22.05.2019 - 21.07.2019, ganztägig
23.05.2019 - 22.07.2019, ganztägig
24.05.2019 - 23.07.2019, ganztägig
Anzeige
Anzeige