Ritalin aus der Steckdose

Die Digitalisierung prägt nicht nur die Wirtschaft, die Wissenschaft und die Medienwelt – sie ist auch längst in den deutschen Kinderzimmern angekommen. Smartphones, Tablets und der Fernseher haben eine nahezu magische Anziehungskraft auf Kinder. Sie sind dabei nicht nurZeitvertreib und Zeitfresser zugleich, sondern stellen für viele Eltern auch noch ein probates Mittel dar, um ihren Nachwuchs für ein paar Stunden ruhig zu stellen. Doch der exzessive Konsum schadet dem heranwachsenden Gehirn.

Ritalin aus der Steckdose

Ritalin aus der Steckdose (Foto:Rawpixel.com shutterstock.com)

Alleine in Deutschland soll es laut dem Bundesministerium für Gesundheit derzeit 600.000 Internetabhängige und 2.500.000 problematische Nutzer geben. Die Zahl könnte sich in den kommenden Jahren rasant erhöhen, wenn sich am leichtfertigen Verhalten vieler Eltern nichts ändern sollte. Wie die BLIKK-Studie ergab, nutzen 70 Prozent der Kinder im Kita-Alter für mehr als eine halbe Stunde am Tag ein Smartphone. Zwar nicht ihr eigenes, aber das ihrer Eltern. Der Anreiz für viele Erziehungsberechtigte ist offensichtlich: drückt man einem quengelnden, nervenden Kind ein Smartphone in die Hand, hat man erst einmal Ruhe. Für ein paar Sekunden, ein paar Minuten, ein paar Stunden. Rezeptlose Ruhigstellung, ganz ohne Ritalin oder Medikinet, dafür fast genauso wirksam.

Wie eine Umfrage des Münchener Marktforschungsunternehmens Iconkids & Youth ergab, befindet sich in nahezu jedem vierten Haushalt mit Kindern im Alter zwischen drei und 13 Jahren ein TV-Gerät. Wenngleich sich das Fernsehen bei Kindern immer noch großer Beliebtheit erfreut, sind im Zuge der Digitalisierung weitere Alternativen hinzugekommen. Und die machen es noch schlimmer. Jump’n’Run-Spiele spielen auf Mamas Smartphone im Wartezimmer der Zahnarztpraxis, Youtube-Videos schauen auf Papas Tablet auf der Autofahrt zur Patentante und daheim anstatt zu den Bauklötzen zu greifen, lieber die Zeit mit digitalen Medien vertreiben – in allen Lebenslagen haben Kinder mittlerweile Zugriff auf elektronische Geräte, wenn die Eltern es erlauben. Und die meisten erlauben es, wie die BLIKK-Studie bewies.

DAS MEDIEN-PROJEKT »BLIKK«

Das Institut für Medizinökonomie und Medizinische Versorgungsforschung der Rheinischen Fachhochschule Köln und der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ) haben zusammen das Medien-Projekt BLIKK (Bewältigung, Lernverhalten, Intelligenz und Krankheiten – Kinder und Jugendliche im Umgang mit elektronischen Medien) ins Leben gerufen. Durch das Projekt sollen Zusammenhänge zwischen den Mediennutzungszeiten und möglichen psychischen sowie physischen Auffälligkeiten im Rahmen der Früherkennungsuntersuchungen U3 (4. bis 6. Lebenswoche) bis J1 (13. bis 14. Lebensjahr) hergestellt werden. Bei den Untersuchungen wurden über 5.500 Eltern und Kinder zur Mediennutzung befragt.

Bereits seit mehreren Jahren sind sich die Wissenschaftler einig: zu viel Fernsehen schadet der kindlichen Entwicklung. 2004 ergab eine amerikanische Studie, dass das Ruhigstellen von Kindern mittels des TV-Gerätes auf lange Sicht Gegensätzliches erreicht und die Kinder vermehrt unruhiger werden. Der Verband der Kinderärzte Amerikas (American Academy of Pediatrics) verglich das Verhalten siebenjähriger Schulkinder mit den Angaben ihrer Mütter über den Fernsehkonsum in den Vorschuljahren. Heraus kam, dass die Kinder mit dem häufigsten TV-Konsum zu den 10 Prozent der Schulkinder gehörten, die die meisten Probleme mit Konzentrationsstörungen, Unruhe und Impulsivität hatten. Ein Teil von ihnen litt bereits unter dem Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom (ADS).

Dazu passen auch die Erkenntnisse aus der BLIKKStudie. Die Wissenschaftler stellten fest, dass ein grundsätzlicher Zusammenhang zwischen intensiver Mediennutzung und Entwicklungsstörungen bei Kindern besteht. Bei Kindern, bei denen die Mediennutzung vor dem 6. Lebensjahr schon stark ausgeprägt war, häuften sich die Fälle von Sprachentwicklungsstörungen und motorischer Hyperaktivität. Letztere äußert sich im ständigen Umherrennen, Toben, Aufspringen und permanentem Bewegungsdrang.

Die äußeren Verhaltensauffälligkeiten hängen vermutlich mit den Veränderungen im Gehirn zusammen. Fernsehen und der Konsum digitaler Medien verändern den Frontallappen, zu dessen Aufgaben die Entwicklung der Persönlichkeit, die Steuerung von Emotionen, Entscheidungen, Aufmerksamkeit,die Feinmotorik im Mund und situationsgerechtes Handeln zählen. Das Brisante daran: der Frontallappen, vor allem der präfrontale Cortex, ist erst mit circa 25 Jahren völlig ausgereift. Durch übermäßigen TV- und Medienkonsum bei Kindern gerät die Entwicklung des Frontallappens frühzeitig ins Stocken. Für eine gesunde Entwicklung müssen Kinder aktive Tätigkeiten ausüben, bei denen sie mit anderen spielen und in Kontakt treten. Mit reichlich selbst erlebten Erfahrungen wird der Frontallappen quasi gefüttert und kann sich ungehemmt und kontinuierlich weiterentwickeln. Vor der Flimmerkiste herrscht hingegen Stillstand.

Angesichts der erwiesenen fatalen Folgen eines ungesunden Medienkonsums forderte die Drogenbeauftragte der Bundesregierung Marlene Mortler: „Wir müssen die gesundheitlichen Risiken der Digitalisierung ernst nehmen! Es ist dringend notwendig, Eltern beim Thema Mediennutzung Orientierung zu geben. Kleinkinder brauchen kein Smartphone. Sie müssen erst einmal lernen, mit beiden Beinen sicher im realen Leben zu stehen. Unter dem Strich ist es höchste Zeit für mehr digitale Fürsorge – durch die Eltern, durch Schulen und Bildungseinrichtungen, aber natürlich auch durch die Politik.“

Wer Kinder ständig der Reizüberflutung durch digitale Geräte aussetzt, lässt sie schnurstracks auf Entwicklungsstörungen zusteuern. Deshalb sollte nicht nur auf begrenzte Medienzeiten geachtet werden, sondern auch darauf, dass Kinder schon früh die Medienkompetenz erlernen und nicht orientierungslos durch die digitale Welt irren. Manchmal kann es hilfreich sein, einfach den Stecker zu ziehen.

WIE VIEL DIGITALER KONSUM IST OKAY?
(TV, Smartphone, Tablet, Spielekonsole, PC, …)
0 bis 2 Jahre: absolut kein digitaler Konsum
3 bis 5 Jahre: maximal 30 Minuten
6 bis 9 Jahre: maximal 60 Minuten
ab 10 Jahre: maximal 9 Stunden pro Woche
(Quelle: Elternratgeber »Schau hin!« (unterstützt vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend)

Informationen:
www.rfh-koeln.de
, Stichwort „BLIKK“
www.drogenbeauftragte.de
www.schau-hin.info

Veranstaltungskalender

31.12.2017 - 31.10.2018, ganztägig
24.03.2018 - 19.01.2038, ganztägig
04.08.2018 - 04.06.2019, ganztägig
15.10.2018, 10:30 Uhr
16.10.2018, 09:30 Uhr
16.10.2018, 10:30 Uhr
16.10.2018, 18:00 Uhr
17.10.2018, 09:30 Uhr
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