Schmutz dient dem Schutz

Frisch gebackene Eltern würden ihr Erstgeborenes in den ersten Lebensjahren am liebsten in Watte packen. Krabbeln nur im Käfig, Laufen nur unter Aufsicht und im Dreck zu suhlen, kommt gar nicht erst in Frage. Wenn der Nachwuchs dann doch den klitzekleinen unachtsamen Augenblick der Eltern genutzt und mit seinen kleinen Händen im Sand gewühlt hat, dann geht es schleunigst zum Waschen – gründlich und mit Unterstützung diverser Hygieneprodukte. Verbunden wird das Ganze meist noch mit einer Lektion. Der Tenor: Schmutz macht Kinder krank. Doch der weit verbreitete Sauberkeitswahn birgt ernsthafte Gefahren: Übertriebene Hygiene fügt dem Immunsystem der Kinder immensen Schaden zu, denn Bakterien unterstützen die Gesundheit.

Schmutz dient dem Schutz

Schmutz dient dem Schutz (Foto: Heidi Brand shutterstock.com)

Von den in Deutschland lebenden Kindern und Jugendlichen leiden nach Angaben des Robert Koch-Instituts derzeit fast neun Prozent an Heuschnupfen, sieben Prozent an Neurodermitis und drei Prozent an Asthma. Die Anzahl der Erkrankten ist in den letzten Jahren immer weiter angestiegen. Die Langzeit-Kindergesundheitsstudie (KiGGS) ergab, dass mittlerweile jedes sechste Kind in Deutschland chronisch krank ist. Die Ursachen sind vielfältig, als eine Ursache gilt neben schlechter Ernährung und Bewegungsmangel auch übertriebene Hygiene. Dabei müssten Eltern nur einen einfachen Tipp befolgen, um präventiv gegen Allergien und Asthmaerkrankungen ihrer Kinder vorzugehen: Ein Bauernhofbesuch fördert die kindliche Gesundheit.

Kinder, die regelmäßig auf Bauernhöfen spielen oder dort aufwachsen, bleiben eher von chronischen Erkrankungen verschont. Das ergaben unter anderem Untersuchungen der Kinderärztin und Allergologin Prof. Dr. med. Erika von Mutius von der Ludwigs-Maximilians-Universität in München. Der Grund: Bakterien trainieren das Immunsystem. Der Kontakt mit der Stallluft erzielt bereits seine positive Entwicklung, wenn sich das Kind noch im Mutterleib befindet und die Mutter regelmäßig einen Bauernhof aufsucht. Vor allem in den ersten Lebensjahren entwickelt sich beim Menschen der Großteil der Immunabwehr. Der Kontakt mit oft harmlosen Bakterien steigert die Toleranz und verringert damit die Anfälligkeit des Immunsystems. Man spricht vom »Bauernhofeffekt«.

Auf Bauernhöfen kommen Kinder vor allem mit einer Reihe von Zellwand-Bestandteilen (Endotoxinen) verschiedener Bakterien in Berührung, die einfach mit der Luft eingeatmet werden. Das Immunsystem gewöhnt sich daran und verringert dadurch das Risiko von späteren Fehlreaktionen des Körpers beim erneuten Kontakt mit den Bakterien. Der Bauernhof fungiert quasi als Bootcamp für das Immunsystem. Erste große Indizien für den Bauernhofeffekt waren bereits 2002 durch eine Messreihe in der Schweiz, Österreich und Deutschland gesammelt worden. In einer Studie mit 3.500 Vier- bis Achtjährigen wiesen die Forscher durchspezielle Botenstoffe nach, dass Bauernhofkinder über ein stärkeres Immunsystem verfügen. Das Risiko für Allergien und Asthma ist bei ihnen sogar nur halb so groß. Die darauffolgenden Untersuchungen belegten den Effekt.

Das heißt jedoch nicht, dass man seine Kinder zwingend auf einen Bauernhof schicken muss – denn schon beim Spielen im Garten oder im Sandkasten kommen sie mit diversen Bakterien in Berührung. Vielmehr sollten die Eltern es als Hinweis darauf verstehen, dass Dreck nicht immer etwas Schlechtes ist. Natürlich gibt es in der Natur auch schädliche Keime, aber es gilt das Sprichwort: »A little dirt does not hurt« (Ein wenig Schmutz macht nicht krank). Mit übertriebener Hygiene und dem Ziel von Sterilität richten Eltern bei ihrem Kind dagegen schwerwiegende Schäden an – auch wenn sie es eigentlich genau davor schützen wollen.

Sauberkeitsfimmel macht krank


Der Mensch lebt schon immer mit Mikroorganismen zusammen. Dazu zählen beispielsweise Bakterien oder Pilze, von denen eine Vielzahl auf unserer Haut lebt. Diese Mikroorganismen bilden die sogenannte Hautflora, eine natürliche Schicht an der Oberfläche der Haut, die unseren gesamten Organismus vor Krankheitserregern schützt. Wer sich zu häufig wäscht und dabei auch noch hartnäckige, reizende Hygieneprodukte verwendet, läuft Gefahr, diese Schicht nach und nach zu zerstören. Ohne die Hautflora sind wir wesentlich anfälliger für Erkrankungen jeglicher Art. Das ist vor allem gefährlich für junge Kinder, weil sich das Immunsystem noch in der Entwicklungsphase befindet.

Fehlender Kontakt mit Bakterien führt zu einer unzureichenden Immunabwehr und ebnet insbesondere den Weg für Allergien und Asthma. Eine große Studie mit dem Titel »Domestic use of bleach and infections in children« aus dem Jahr 2015 belegte am Beispiel von Bleichmittel, das bei der Wäsche zur Desinfizierung verwendet wird, die negativen Auswirkungen von Hygieneprodukten. Bei 9.102 Kindern wurde die Verwendung von Bleichmittel im Haushalt mit deren Krankheitsbildern in Verbindung gebracht. Das Ergebnis: Kinder, in deren Desinfektionsmittel zum Einsatz kommen, leiden häufiger an Atemwegserkrankungen. Die Forscher fühlen sich darin bestätigt, dass das durch die Werbung vermittelte Ideal bakterienfreier Haushalte ein großer Irrtum ist.

Eine ständige Unterforderung des Immunsystems geht immer mit seiner Schwächung einher. Auch das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend rät Eltern dazu, eine übermäßige Hygiene ihrer Kinder zu vermeiden. So wird auf der Seite www.familien-wegweiser.de beispielsweise empfohlen, dass Kinder nicht etwa jeden Tag duschen oder baden sollen, sondern lediglich ein- bis zweimal pro Woche. Egal, ob durch das Spielen im Dreck oder einen Besuch auf dem Bauernhof – Kinder brauchen den Kontakt mit Bakterien für ihre Gesundheit.

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