Unbemannt - 95% der pädagogischen Fachkräfte sind Frauen

Die pädagogischen Berufe in der frühkindlichen Bildung und Erziehung stellen eine Frauendomäne dar. Männer sind rar gesät: Nach Angaben der Kooperationsstelle Männer in Kitas betrug der Anteil männlicher Fachkräfte in Kindertageseinrichtungen in Deutschland im Jahr 2017 lediglich 5,85 Prozent. Insgesamt waren damit nur 27.114 männliche Fachkräfte, Praktikanten, Freiwilligendienstler und ABM-Kräfte in der Branche beschäftigt. Die Empfehlung der Europäischen Union, dass bis 2020 mindestens 20 Prozent der Erzieher männlich sein sollten, wird deutlich verfehlt. „Der Erzieherberuf muss attraktiver werden“, fordert der Diplom-Politologe Jens Krabel.

Erzieherberuf muss attraktiver für Männer werden.

Erzieherberuf - unbemannt (TungCheung shutterstock.com)

Wie kam es dazu, dass der Beruf des Erziehers zu einem Frauenberuf wurde? „Die gesamte Genese des Berufsbildes hängt mit Vorurteilen und traditionellen Geschlechterbildern zusammen“, erklärt Jens Krabel, Fachreferent und wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Koordinationsstelle Männer in Kitas. So dominiere bis heute das traditionelle Klischee, dass Frauen qua Geschlecht die notwendigen Fähigkeiten für den Erzieherberuf mitbringen würden, während Männer als »hartes Geschlecht« für die außerhäuslichen Aufgaben zuständig seien. Deshalb sei es zuletzt auch nur zu einem geringen Anstieg des Männeranteils in diesem Berufsfeld gekommen: von 2,8 Prozent in 2007 auf 5,85 Prozent in 2017.

Wirft man einen Blick auf die Entstehungsgeschichte von Kindertagesstätten, fällt auf, dass die langjährige Entwicklung hin zu einem Frauenberuf durchaus überraschend und ungeplant vonstattenging. Denn Friedrich Fröbel (1782 – 1852), der Begründer der Idee des Kindergartens, hatte ursprünglich junge Männer als Erzieher für geeigneter gehalten als Frauen. Es kam jedoch ganz anders, immer mehr Frauen übernahmen die Betreuung der Kinder – und deshalb appellierte der Pädagoge zu Lebzeiten: „Die Erziehung zur Bildung des Menschen solle nicht nur dem weiblichen Geschlecht übertragen werden, sondern das mehr von außen lehrende männliche Geschlecht gehört nach dem Gesetz des Gegensatzes nicht minder dazu, und seine Mitwirkung zur Bildung muss nicht nur in den Knaben-, sondern schon in den Kinderjahren beginnen.“ Sein Appell blieb erfolglos.

Im Jahr 2015, 163 Jahre nach Fröbels Tod, erschien die sogenannte »Tandem-Studie«. Laut Herausgeber, dem Bundesministerium für Familien, Senioren, Frauen und Jugend, ist es weltweit die erste Untersuchung, die sich geschlechterdifferenzierend und -vergleichend mit pädagogischem Personal und dessen Handeln im Kita-Alltag auseinandersetzt. Die Untersuchung wurde von 2010 bis 2014 von der Evangelischen Hochschule Dresden durchgeführt und umfasste eine Stichprobe von 65 Frauen und 41 Männern, deren Verhalten im Arbeitsalltag beobachtet und analysiert wurde.

Männliche Erzieher sorgen für mehr Vielfalt und brechen mit Klischees

Die Ergebnisse belegen, dass Geschlechterstereotype beim Fachpersonal nicht nachweisbar sind. Die Wissenschaftler berichten, dass sich männliche und weibliche Erzieher unter fachlichen Gesichtspunkten nicht voneinander unterscheiden. „Männer sind genauso einfühlsam, fordernd und kommunikativ wie Frauen, aber die im Alltag verwendeten Angebote und Materialien unterscheiden sich. Daher schafft es eine größere Vielfalt, wenn Frauen und Männer eine Erziehergruppe bilden“, sagt Jens Krabel.

Zudem fanden die Forscher heraus, dass Kinder hingegen nicht geschlechterneutral in Interaktion treten. Bereits ab dem dritten Lebensjahr zeigen sie eigene geschlechtstypische Präferenzen, neigen zur Bildung von gleichgeschlechtlichen Gruppen und entwickeln verschiedene Mädchen- oder Jungenkulturen. „Sie bekommen mit, dass die Welt stark in Geschlechterrollen aufgeteilt ist und bestimmte Aufgaben von einem Geschlecht erledigt werden“, erläutert der Diplom-Politologe. Männliche Erzieher sollen deshalb als Vorbilder fungieren, die mit diesen traditionellen Geschlechterrollen brechen und den Kindern aufzeigen, dass man sich vorurteilsfrei in alle Richtungen entwickeln kann und nicht an veralteten Traditionen orientieren muss. Diese seien vor allem in den ländlichen Regionen verbreitet, weshalb der Männeranteil in den Kitas dort noch geringer sei. Die Fakten unterstützen diese Hypothese: In Bayern lag der Anteil 2016 bei nur 2,9 Prozent, in Sachsen-Anhalt bei 3,6 Prozent. In Hamburg (10,9 Prozent), Berlin (9,6 Prozent) und Bremen (7,9 Prozent) arbeiten hingegen wesentlich mehr Männer in Kitas.

Wenn es nach Jens Krabel geht, ist der Männeranteil deutlich zu gering, die Entwicklung zu schleppend. Die Europäische Union geht mit dieser Ansicht konform. Sie hatte bereits im Jahr 1996 empfohlen, dass in den EU-Ländern bis 2020 in den Kindertagesstätten 20 Prozent der Beschäftigten männlich sein sollten. Diesem empfohlenen Ziel laufen alle Mitgliedsstaaten weit hinterher, nicht nur Deutschland. Selbst in Norwegen, wo laut der Koordinationsstelle Männer in Kitas die umfassendste staatliche Kampagne zur Anwerbung männlicher Erzieher stattfand, liegt die Quote lediglich bei zehn Prozent.

Europäische Union empfiehlt höheren Männeranteil

Krabel fordert, dass der Erzieherberuf attraktiver werden muss. „Nicht nur für Männer“, stellt der Experte klar. Zunächst müsse sich das Bild nach außen weiter professionalisieren. „Als Erzieher passt man nicht nur auf Kinder auf und trinkt zwischendurch Kaffee“, bekräftigt Krabel und fügt hinzu: „Für das, was Erzieher heute können müssen, werden sie immer noch nicht ausreichend entlohnt.“ Laut dem Lohnspiegel der Hans-Böckler-Stiftung verdienen Erzieher auf Basis einer 38-Stunden-Woche monatlich durchschnittlich 2.490 Euro brutto, 60 Prozent der Erzieher arbeiten allerdings – zum Teil mangels Alternativen – in Teilzeit.

Die Probleme fangen jedoch schon mit der Ausbildung an, die je nach Bundesland drei bis fünf Jahre dauert. In Niedersachsen und Bremen sind es ohne vorherige Berufserfahrung vier Jahre. Vier Jahre ohne Einkommen, denn die Ausbildung wird in den meisten Fällen nicht entlohnt – stattdessen müssen die Auszubildenden an privaten Kollegs gegenwärtig auch noch Schulgeld zahlen. Das soll sich ändern: Das Niedersächsische Kultusministerium will ab 2019 das Schulgeld übernehmen, außerdem soll durch eine Teilzeit-Variante mehr Flexibilität ermöglicht werden. In Bremen startete jüngst ein Modellversuch einer praxisintegrierten, vergüteten Ausbildung mit 50 Ausbildungsplätzen. Mit derlei Maßnahmen wollen die Länder dem Erziehermangel, der laut Nationalem Bildungsbericht in Deutschland bis 2025 auf über 300.000 fehlende Fachkräfte anzusteigen droht, in den kommenden Jahren entgegenwirken – und dabei auch mehr Männer für den Beruf gewinnen.

Mehr Informationen:
https://mika.koordination-maennerinkitas.de/
www.nifbe.de
www.ibs-bremen.de

 

 

 

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