Wir brauchen eine Enttabuisierung - Fehlende Aufklärung bei sexuellem Missbrauch durch Frauen

ES ist ein Tabu-Thema. In der Öffentlichkeit, in den Medien, in der Forschung. Und doch handelt es sich bei sexuellem Missbrauch durch Frauen keineswegs um ein seltenes Phänomen: die Autoren der MIKADOStudie gehen davon aus, dass zehn bis zwanzig Prozent aller Missbrauchsfälle von Frauen oder weiblichen Jugendlichen verübt werden. Wie hoch der Anteil wirklich ist, kann niemand mit Gewissheit sagen, denn insgesamt bleiben neun von zehn Fällen sexuellen Missbrauchs unentdeckt. Johannes- Wilhelm Rörig, der Unabhängige Beauftragte der Bundesregierung für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs, fordert eine Enttabuisierung und ein Ende der Bagatellisierung. Er plant eine große Aufklärungskampagne.

Missbrauch durch Frauen

Missbrauch durch Frauen (Yuganov Konstantin shutterstock.com)

Woran erkennt man einen Sexualstraftäter? Einige Menschen werden ein konkretes Gesicht vor Augen haben, wie zum Beispiel das des österreichischen Straftäters Josef Fritzl. Besonders schwere Missbrauchsfälle prägen wochenlang die Medienlandschaft und setzen sich im Gedächtnis der Leser, Zuschauer und Hörer fest. Zudem wird der Stereotyp des »typischen« männlichen Täters durch unzählige Fernsehserien und Filme verstärkt. Doch Sexualstraftäter lassen sich nicht an äußerlichen Merkmalen erkennen und sie entstammen allen gesellschaftlichen Schichten und Altersgruppen. Vielleicht noch wichtiger: Es gibt nicht nur Täter, sondern auch Täterinnen. Laut der MIKADO-Studie (Missbrauch von Kindern, Aetiologie, Dunkelfeld, Opfer) von der Universität Regensburg sind 80 bis 90 Prozent der Täter männlich. Wenn man bedenkt, dass nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) allein in Deutschland derzeit rund eine Million Kinder sexueller Gewalt ausgesetzt sind, machen Frauen mit zehn bis zwanzig Prozent der Taten ebenfalls eine große Tätergruppe aus.

„Sexuelle Gewalt durch Frauen wird tabuisiert, weil das immer noch mit den gängigen Vorstellungen von der liebevollen, friedfertigen und fürsorglichen Frau und Mutter kollidiert. Außerdem wird sexueller Missbrauch häufig als sexuelles Problem missdeutet und nicht als Machtproblem verstanden. Da Frauen im Gegensatz zu Männern eher eine sanfte, nicht aggressive Sexualität zugeschrieben wird, scheint Missbrauch ausgeschlossen“, erklärt Johannes- Wilhelm Rörig, der Unabhängige Beauftragte der Bundesregierung für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs. Es existieren US-amerikanische Studien, die sich mit den Opfern und Tätern sexuellen Missbrauchs befassen und dabei große Datenmengen einbeziehen. Zwei bedeutende Untersuchungen stammen von den Wissenschaftlern Lara Stemple und Ilan H. Meyer. In ihrer Publikation »The Sexual Victimization of Men in America: New Data Challenge Old Assumptions« kommen sie zu dem Ergebnis, dass Männer und Frauen gleichermaßen Opfer sexueller Gewalt werden. 1,267 Millionen Männer und 1,270 Millionen Frauen sind laut der repräsentativen Umfrage »National Intimate Partner and Sexual Violence Survey« in den USA 2010 davon betroffen gewesen.

Nachdem es in der genannten Studie vor allem um die Opfer sexueller Gewalt ging, haben sich Stemple und Meyer zusammen mit Andrew Flores in einer weiteren Untersuchung mit dem Verhalten von weiblichen Tätern auseinandergesetzt. Die Forscher analysierten vier großangelegte Umfragen, die in den Jahren 2008 bis 2013 von Bundesbehörden in den Vereinigten Staaten durchgeführt wurden. Ihre Ergebnisse erschienen im Artikel »Sexual victimization perpetrated by women: Federal data reveal surprising prevalence« im Journal »Aggression and Violent Behavior« – und sie überraschten: Die Wissenschaftler stellten nach eigenen Aussagen fest, dass die Daten dem allgemeinen Glauben widersprechen, dass weibliche Sexualstraftaten selten seien. Das Forschungsteam fand heraus, dass Männer und Frauen in einem Zeitraum von zwölf Monaten nahezu in gleicher Anzahl sexuelle Übergriffe meldeten. Zudem berichteten die männlichen Befragten zu 79,2 Prozent, dass Frauen für die Tat verantwortlich seien.

Rörig: Frauen gehen genauso gezielt und strategisch vor wie Männer


Hierzulande fehlen derlei weitläufige Untersuchungen. Zwar führte die Agentur der Europäischen Union für Grundrechte im Jahr 2014 eine EU-weite Erhebung zu körperlicher und sexueller Gewalt durch – allerdings ging es hier nur um Gewalt gegen Frauen, die weiterhin ein großes gesellschaftliches Problem darstellt. Eine der Quellen, auf die in der Berichterstattung über sexuellen Missbrauch immer wieder Bezug genommen wird, ist die Polizeiliche Kriminalstatistik. 2017 wurden insgesamt 11.547 Fälle sexuellen Missbrauchs von Kindern erfasst, doch es ist von einer riesigen Dunkelziffer auszugehen. Die Autoren der MIKADO-Studie vermuten, dass nur jeder zehnte Missbrauch an einem Kind aufgeklärt wird. „Frauen werden aber offenbar seltener angezeigt. Der Anteil der Missbrauchsanzeigen gegen Frauen liegt bei rund zwei Prozent“, stellt Rörig die Relation zur Gesamtzahl der angezeigten Missbräuche her.

Der Missbrauchsbeauftragte sieht große Gefahren in den dominierenden Vorurteilen: „Es kursieren noch immer bagatellisierende Vorstellungen, nämlich dass Frauen eher versehentlich in zu großer Zärtlichkeit Grenzen verletzen. Das ist falsch. Frauen gehen genauso gezielt und strategisch vor wie Männer. Allerdings haben sie es leichter, ihre Handlungen als Pflege oder Zärtlichkeit zu kaschieren, eben weil sie als Mütter oder in anderen versorgenden Funktionen quasi selbstverständlichen Zugang zu Kindern haben. Ihnen misstraut keiner so schnell.“ Ferner betont er, dass unter den Opfern nicht nur Jungen, sondern auch Mädchen seien.

Die meisten weiblichen Täter stammen aus dem familiären und sozialen Umfeld des Kindes, fremde Täter sind dagegen laut Rörig „die absolute Ausnahme“. Den Statistiken des Kinderschutzbundes Frankfurt nach zu urteilen, sind die Täterinnen in über 77 Prozent der Fälle Mütter oder Stiefmütter, zu rund sieben Prozent Bekannte oder Nachbarinnen. Im Zeitalter der sozialen Netzwerke sind die Möglichkeiten der Kontaktaufnahme für Außenstehende jedoch rasant gewachsen. Dementsprechend nehme mittlerweile „eine erhebliche Anzahl“ von Frauen sexualisierten Kontakt zu Kindern und Jugendlichen über das Internet auf, so Rörig. Bei dieser Form der sexuellen Belästigung spricht man von »Cyber-Grooming«. Rechnet man die Daten der MIKADO-Studie hoch, haben in Deutschland 728.000 Erwachsene sexuelle Onlinekontakte zu ihnen unbekannten Kindern. Dazu passt eine Befragung der Universität Köln unter 1.700 zehn- bis 19-Jährigen in Nordrhein-Westfalen, wonach 38 Prozent der Befragten im Internet bereits sexuell belästigt wurden.

Angesichts dieses Trends und der niedrigen Aufklärungsrate von sexuellem Missbrauch durch Frauen gibt es für den Missbrauchsbeauftragten nur eine Lösung: „Wir brauchen eine Enttabuisierung, aber auch ein Ende der Bagatellisierung, damit die vielen Betroffenen von sexualisierter Gewalt durch Mütter, Babysitter, Erzieherinnen und so weiter nicht mit dieser belastenden, zum Teil zerstörerischen Erfahrung alleine bleiben. Eine Gesellschaft, die diese Taten negiert, nicht glauben kann, bringt die Opfer in die Situation, dass sie sich selbst die Schuld geben.“

Damit alle wissen, was Missbrauch ist, wie die Täter vorgehen und an wen man sich bei Vermutung oder Verdacht wenden kann, plant Johannes-Wilhelm Rörig in Kooperation mit dem Bundesfamilienministerium eine Aufklärungs- und Sensibilisierungskampagne. Diese soll auf mehrere Jahre ausgerichtet sein und in ähnlich großer Dimension wie die Anti-Aids-Kampagne vollzogen werden. Näheres zur Kampagne ist noch nicht bekannt, außer dass sie 2020 starten soll. „Sexuelle Gewalt gegen Kinder und Jugendliche betrifft alle. Alle müssen Bescheid wissen“, stellt der Missbrauchsbeauftragte klar.

Mehr Informationen: https://beauftragter-missbrauch.de

Veranstaltungskalender

28.10.2001 - 28.10.2019, ganztägig
24.03.2018 - 19.01.2038, ganztägig
19.04.2019 - 11.06.2026, ganztägig
15.10.2019, 09:00 Uhr
16.10.2019 - 15.12.2019, ganztägig
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