Schnellere Hilfe durch die neue Psychotherapie-Richtlinie

Menschen mit seelischen Leiden mussten bislang oft lange warten, bis sie eine Therapie beginnen konnten. Mit der neuen Psychotherapie-Richtlinie, die es seit April 2017 gibt, soll sich das ändern. In der Regel stellt ein qualifizierter Facharzt fest, ob jemand psychisch erkrankt ist, und empfiehlt eine Therapie. Nach der neuen Richtlinie soll eine frühzeitige diagnostische Abklärung den Einstieg in die Behandlung erleichtern, die Attraktivität der Gruppentherapie erhöhen und Rückfällen besser vorbeugen. Neue Leistungen sind die psychotherapeutische Sprechstunde und die Akutbehandlung. Zudem müssen Psychotherapeuten sicherstellen, dass ihre Praxen regelmäßig telefonisch erreichbar sind.

Schnellere Hilfe durch die neue Psychotherapie-Richtlinie

Schnellere Hilfe durch die neue Psychotherapie-Richtlinie (Foto: VGstockstudio shutterstock.com)

DIE NEUREGELUNGEN IM EINZELNEN

Nach der geänderten Psychotherapie-Richtlinie müssen Psychotherapeuten je nach dem Versorgungsumfang der Praxis 200 oder 100 Minuten pro Woche persönlich telefonisch erreichbar sein. Die Praxen veröffentlichen diese Zeiten und teilen sie der zuständigen Kassenärztlichen Vereinigung mit.

Psychotherapeuten sind künftig verpflichtet, regelmäßige Sprechstunden anzubieten. Patienten können die Sprechstunde bis zu sechs Mal für jeweils 25 Minuten in Anspruch nehmen. In den Gesprächen klärt der Psychotherapeut ab, ob ein Verdacht auf eine psychische Krankheit besteht und der Patient eine Psychotherapie gemäß der Richtlinie benötigt oder ob ihm andere Unterstützungs- und Beratungsangebote helfen können.

Brauchen Patienten im Anschluss an die Sprechstunde schnell Hilfe, etwa wegen einer akuten Krise, ist künftig ohne Antrags- und Genehmigungsverfahren eine Akutversorgung von bis zu zwölf Stunden möglich. Die Akutbehandlung soll Patienten mit akuten Symptomen entlasten und gegebenenfalls auf eine weiterführende Therapie vorbereiten. Sie soll innerhalb von 14 Tagen nach der Beratung in der Sprechstunde beginnen.

Auch künftig leiten sogenannte probatorische Sitzungen eine ambulante Psychotherapie gemäß der Richtlinie ein, wobei Probatorik die weitere diagnostische Klärung des Krankheitsbildes bedeutet. Dabei prüfen die Therapeuten die Eignung, Motivation, Kooperations- und Beziehungsfähigkeit der Patienten für ein bestimmtes Therapieverfahren. Künftig sollen mindestens zwei und bis zu vier probatorische Sitzungen von je 50 Minuten Dauer vor einer Erwachsenentherapie stattfinden.

Für Kinder und Jugendliche werden zwei zusätzliche Sitzungen angeboten. Nach der Probatorik entscheiden Therapeut und Patient gemeinsam, ob und gegebenenfalls welche der in der Richtlinie anerkannten Therapien geeignet ist. Der Patient kann im Anschluss daran sofort mit der Therapie beginnen.

Drei Verfahren sind im Rahmen der Richtlinie anerkannt: die Verhaltenstherapie, die tiefenpsychologisch fundierte und die analytische Psychotherapie. Jede beginnt in der Regel zunächst als Kurzzeittherapie und wird, wenn nötig, als Langzeittherapie fortgesetzt. Alle Verfahren können als Einzel- oder Gruppentherapie sowohl für Erwachsene als auch für Kinder angeboten werden.

Eine Kurzzeittherapie umfasst nach der neuen Richtlinie zwei Abschnitte mit jeweils zwölf Stunden. Eine Langzeittherapie schließt sich in der Regel an die Kurzzeittherapie an. Die Krankenkasse muss diese weiterhin genehmigen und ein Gutachter prüft, ob und wie die Therapie fortgesetzt werden soll. Die Anzahl der Stunden hängt vom jeweiligen Verfahren ab.

In allen Richtlinienverfahren können Patienten Gruppentherapien mit drei bis maximal neun Teilnehmern wahrnehmen. Sie können Einzel- und Gruppentherapien kombinieren oder zwischen beiden wechseln. Im Rahmen einer gemeinsamen Behandlung können zwei Therapeuten dem gleichen Patienten jeweils eine Einzel- und Gruppentherapie anbieten.

Die Vorbeugung von Rückfällen (Rezidivprophylaxe) soll den Behandlungserfolg sichern und ist Teil der Langzeittherapie. Je nach vorheriger Behandlungsdauer können Patienten dafür künftig im Zeitraum von zwei Jahren zwischen acht und 16 Behandlungen in Anspruch nehmen.

Die neue Psychotherapie-Richtlinie hat das Antrags-, Genehmigungs- und Begutachtungsverfahren erleichtert: Nachdem der Patient einen Antrag gestellt hat, können Kurzzeittherapien spätestens drei Wochen danach beginnen. Eine formale Genehmigung der Therapie mit Begutachtung ist nicht mehr notwendig. Diese ist nur noch bei Anträgen auf eine Langzeittherapie erforderlich.

Zum Thema Psychotherapie beraten bei der AOK Bremen/Bremerhaven Marina Neue, Telefon: 0421 1761-333, E-Mail: Marina.Neue@hb.aok.de oder Andrea Pahl, Telefon: 0421 1761-574, E-Mail: Andrea.Pahl@hb.aok.de.


SELBSTHILFEGRUPPEN

Als Ergänzung einer Therapie kann oftmals eine Selbsthilfegruppe gut unterstützen. Hier kann man sich mit Gleichbetroffenen austauschen. Auch Angehörige und Menschen aus dem sozialen Umfeld finden in der Selbsthilfe ein »offenes Ohr«.

Informationen über Selbsthilfegruppen gibt es beim Gesundheitsamt Bremerhaven, Ute Dumke, Telefon: 0471 5902291, E-Mail: Ute.Dumke@magistrat.bremerhaven.de und bei der Kontaktstelle »Bremerhavener Topf e. V.« ,Telefon: 0471 45050, www.selbsthilfebremerhavener-topf.de. Sowie beim Netzwerk Selbsthilfe, Telefon: 0421 704581, www.netzwerk-selbsthilfe.com und www.selbsthilfe-wegweiser.de.

Am 8. und 9. September (Freitag 12-18 Uhr, Samstag 10-16 Uhr) finden in der Unteren Rathaushalle in Bremen die »16. Bremer Selbsthilfetage« statt. Über 50 Gruppen aus verschiedenen Themenbereichen und das Netzwerk Selbsthilfe beantworten an zwei Tagen Fragen.

Mit einer Zusatzveranstaltung (6. September, 15-17 Uhr im Wall-Saal der Stadtbibliothek Bremen, Am Wall 201) sollen sowohl neue Wege durch die Junge Selbsthilfe als auch für den Generationswechsel in den Gruppen sowie die Chancen der Weiterentwicklung in der Selbsthilfe diskutiert werden.

Zum Thema Selbsthilfeförderung berät bei der AOK Bremen/Bremerhaven Martina Hilker, Telefon: 0421 1761-291, E-Mail: Martina.Hilker@hb.aok.de.

Veranstaltungskalender

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