Alleinerziehend – allein gelassen? Hilfen für Einelternfamilien

Traditionelle Familienformen wie das Mutter- Vater-Kind-Modell scheinen überholt zu sein. Aus einer Studie der Bertelsmann Stiftung geht hervor, dass 2,2 Millionen Kinder in Deutschland von nur einem Elternteil großgezogen werden – Tendenz steigend. Ein solcher Trend macht Maßnahmen der Kommunen erforderlich, um die kleinen Familien – so gut es geht – zu unterstützen. Bei den vielen verschiedenen Angeboten stehen vor allem finanzielle Hilfen und die Vereinbarkeit von Beruf und Familie im Vordergrund. Laut einer Umfrage der Arbeitnehmerkammer Bremen werden diese Beihilfen und Förderungen allerdings nicht immer in Anspruch genommen, da Alleinerziehende diese mangels Informationen und Zeit gar nicht wahrnehmen können.

Alleinerziehend – allein gelassen? (Alexander Penyushkin shutterstock.com)

Alleinerziehend – allein gelassen? (Alexander Penyushkin shutterstock.com)

In 2017 gab es 14.300 Alleinerziehende mit Kindern unter 18 Jahren in Bremen und Bremerhaven. Zum größten Teil (90 %) handelt es sich dabei um Frauen. Etwas mehr als die Hälfte der alleinerziehenden Eltern im Land Bremen sind auf Grundsicherungsleistungen angewiesen. Besonders die alleinerziehenden Frauen sehen sich einem hohen Armutsrisiko ausgesetzt, schreibt die Bremische Zentralstelle für die Verwirklichung der Gleichberechtigung der Frau.

In der Umfrage der Arbeitnehmerkammer Bremen mit dem Titel »Alleinerziehend – Ein Kaleidoskop von Lebens- und Arbeitssituationen« wurden 1.300 Alleinerziehende aus dem Land Bremen, die im Leistungsbezug sind, zu ihrer aktuellen Situation befragt. Dabei ging es vor allem um existenzielle Fragen zu den Themen Arbeit, Gesundheit, Kindesbetreuung und Grundsicherung. Am Ende des Fragebogens konnten die Alleinerziehenden jeweils drei Wünsche zu den oben genannten Themen an die Politik richten. Das Ergebnis: Viele fühlen sich im Stich gelassen und wünschen sich mehr Akzeptanz und Unterstützung.

Da Familien in vielen Fällen vom Einkommen eines einzigen Elternteils abhängig sind, stehen viele nach einer Trennung vom Partner alleine da. Ausbleibende Unterhaltszahlungen erhöhen den fi nanziellen Druck auf die Einelternfamilie. 71 Prozent der Befragten gaben an, keine Unterstützung vom anderen Elternteil zu erhalten. Hier schreitet der Staat ein und gibt alleinerziehenden Eltern die Möglichkeit, einen Unterhaltsvorschuss zu erhalten. Diesen können die Familien bis zur Vollendung des 12. Lebensjahres des Kindes ohne zeitliche Einschränkung in Anspruch nehmen. Für Alleinerziehende, deren Kinder zwischen 12 und 18 Jahre alt sind, bestehen allerdings Voraussetzungen für den Bezug. So dürfen die Eltern nicht auf Leistungen des SGB II angewiesen sein oder müssen trotz des SGB II-Bezugs mindestens 600 Euro brutto verdienen. Ab dem 1. Juli 2019 erhalten Eltern demnach einen Vorschuss, beispielsweise von 150 Euro für ein Kind im Alter von 0 bis 5 Jahren. Ab 2020 steigen diese Beträge, die in der sogenannten »Düsseldorfer Tabelle « festgelegt sind. Der Vorschuss deckt allerdings nicht den vollen Umfang des Unterhalts. So beträgt der Mindestunterhalt bei der genannten Altersgruppe eigentlich 354 Euro, bei einem Nettoeinkommen von 1.900 Euro des anderen Elternteils. Laut der Arbeitnehmerkammer nehmen nur 44 % der Betroff enen den Unterhaltsvorschuss in Anspruch. Esther Schröder, Referentin für Gleichstellungspolitik bei der Arbeitnehmerkammer, fordert deshalb mehr Unterstützung von staatlichen Institutionen, wie Jugendämtern und Gerichten, damit Alleinerziehende ihren Unterhaltsanspruch durchsetzen können.

Um Alleinerziehende weiter fi nanziell zu entlasten, können sie auch in Steuerfragen Unterstützung erhalten. Seit 2015 können alleinerziehende Eltern einen Entlastungsbetrag von 1.908 Euro in der Steuererklärung beantragen. Damit bleiben den Familien vom Einkommen zusätzlich 159 Euro monatlich. Für jedes weitere Kind erhöht sich dieser Betrag um 240 Euro. Der Entlastungsbetrag kann von Müttern und Vätern beantragt werden, die Anspruch auf Kindergeld oder den Kinderfreibetrag haben, um die persönliche Steuerlast zu senken.

Berufsqualifikation und Arbeit

Rund 8.400 Alleinerziehende mit Kindern unter 18 Jahren sind erwerbstätig. 6.000 davon arbeiteten in Teilzeit. 3.465 Alleinerziehende sind arbeitslos. Davon haben wiederum 70 Prozent keinen Berufsabschluss. Laut der Befragung fehlt vielen Alleinerziehenden eine berufl iche Qualifikation, was die Integration in den Arbeitsmarkt erschwert. Aber auch wenn Mütter und Väter ohne einen Abschluss Arbeit finden, verdienen sie selten genug, um die Familie ohne fremde Hilfe zu versorgen. Das ist besonders prekär für Alleinerziehende, die oft schon mit Beruf und Familie überlastet sind und denen der finanzielle Druck das Leben zusätzlich erschwert. Dennoch gaben die Alleinerziehenden an, unbedingt arbeiten zu wollen – und das nicht nur, um finanziell unabhängig zu sein, sondern vor allem, um den Kindern ein gutes Vorbild zu sein.

Um Betroff enen in berufl ichen Fragen zu beraten, gibt es seit 2011 die Expertinnen für Alleinerziehende (EFA) im Jobcenter Bremerhaven. Das Team betreut Mütter und Väter, die auf der Suche nach einem Job sind und/oder sich weiter qualifi - zieren möchten. Die Beraterinnen informieren Alleinerziehende über verschiedene Möglichkeiten der Ausbildung, Fortbildung oder Umschulung. Ingo Schierenbeck, Geschäftsführer der Arbeitnehmerkammer Bremen sieht dennoch Verbesserungsbedarf bei den Angeboten für Alleinerziehende. Er fordert passgenaue Maßnahmen, die auch die entsprechenden Lebensumstände berücksichtigen und zum Beispiel in Teilzeit stattfinden, damit genug Zeit für die Familie bleibt.

Kinderbetreuung

Alleinerziehende müssen auf vieles verzichten. Vor allem wenn Betroff ene in Vollzeit arbeiten, haben sie kaum noch Zeit für sich selbst oder für Freunde. Neben dem finanziellen Druck, sehen sie sich einem enormen Maß an Stress ausgesetzt. Einfach mal abschalten ist nicht mehr möglich. Das kann sich negativ auf die Gesundheit auswirken. Das triff t besonders diejenigen, die allein in einer Stadt ohne Familie und Verwandte sind, die zur Not auf das Kind aufpassen könnten. In der Seestadt gibt es Abhilfe: Die vielfältigen Betreuungsangebote in Bremerhaven unterstützen Alleinerziehende, die berufstätig sind und bieten weitere Hilfestellungen an, um Mütter und Väter zu entlasten.

In Bremerhaven ist der Besuch einer Kita seit August 2019 beitragsfrei. Kinder haben ab dem vollendeten dritten Lebensjahr bis zum Schuleintritt einen Rechtsanspruch auf Kindertagesförderung von täglich 4,5 bis 8 Stunden. Ob ein Bedarf besteht, der über die 4,5 Stunden hinausgeht, wird im Rahmen einer Bedarfsfestsetzung entschieden. Dabei wird von der jeweiligen Leitung der Kindertagesstätte geprüft, welcher Bedarf tatsächlich besteht. Ein Kriterium bei der Entscheidung ist zum Beispiel die Berufstätigkeit der Mutter oder des Vaters. Eine Betreuung, die über 8 Stunden hinausgeht, ist wiederum beitragspfl ichtig. Lediglich das Mittagessen müssen alle Eltern zahlen, aber auch hier gibt es Ausnahmen. So können Empfänger von Sozialleistungen über das Programm »Bildung und Teilhabe« Gutscheine für die Mittagsverpfl egung in der Kita beantragen. Zusätzlich betriff t die Beitragsbefreiung Kinder, die in Elternvereinen oder von Kindertagespfl egepersonal betreut werden.

Auch die »Familie im Stadtteil – Initiative der Jugendhilfe Bremerhaven« bietet kostenlose und freiwillige Unterstützung an. Speziell geschulte Mitarbeiter, die sogenannten FiS-Assistenten und FiS-Assistentinnen unterstützen Familien mit mindestens einem Kind im Alter von 0 bis 10 Jahren bei der Versorgung und Erziehung. Das Angebot richtet sich speziell an Familien, die neu in der Stadt oder dem Stadtteil sind, Zwillings- oder Mehrfachgeburten versorgen müssen, mit gesundheitlichen Beeinträchtigungen zu kämpfen haben oder isoliert leben. Zehn Stunden pro Monat, über einen Zeitraum von 9 Monaten, unterstützen die Helfer und Helferinnen die betroffenen Familien.

In Gesundheitsfragen stehen alleinerziehenden Eltern vielfältige Angebote für ihre Kinder zur Verfügung. Die Familienberatung und frühkindliche Gesundheitsförderung gibt Hilfestellung zu Themen wie dem Stillen, der Ernährung und der allgemeinen Gesundheit von Mutter und Kind vor, während und nach der Schwangerschaft sowie in den ersten drei Lebensjahren des Kindes. In Bremerhaven gibt es für dieses Angebot mehrere Anlaufstellen. Neben der Beratungsstelle in der »Theo« in der Lutherstraße in Lehe gibt es die Familienberatung auch in den Stadtteilen Leherheide in der Hans Böckler-Straße 36 und in Geestemünde in der Voßstraße 41. Zusätzlich zu Beratungsterminen können auch Hausbesuche vereinbart werden. Apropos Hausbesuche: auch die vielen Hebammen in und um Bremerhaven bieten ihre Dienste an, indem sie schwangere Frauen begleiten und ihnen auch nach der Geburt mit Rat und Tat zur Seite stehen. In den anfangs erwähnten Wünschen der Alleinerziehenden gab es auch oft das Bedürfnis nach Kontaktmöglichkeiten zu Gleichgesinnten. In den Familien- Cafés der Familienzentren in Bremerhaven (siehe LAUFPASS Nr. 61) haben Mütter und Väter die Gelegenheit, sich mit anderen Alleinerziehenden auszutauschen.

Veranstaltungskalender

24.03.2018 - 19.01.2038, ganztägig
19.04.2019 - 11.06.2026, ganztägig
08.09.2019 - 01.03.2020, ganztägig
12.12.2019, 18:00 Uhr
13.12.2019 - 05.06.2020, ganztägig
13.12.2019 - 11.02.2020, ganztägig
13.12.2019, 10:00 Uhr
13.12.2019, 20:00 Uhr
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