Gesellschaft 13.02.2017
Von: sl

Amputationen an Kleinkindern – Beschneidungsgesetz wirft Fragen auf


Amputationen an Kleinkindern

Amputationen an Kleinkindern (Foto: Alex Malikov shutterstock.com)

Auf Wunsch der muslimischen Eltern führte ein Arzt vor über sechs Jahren die Beschneidung ihres vierjährigen Sohnes durch. Ein Eingriff mit Folgen. Wegen starker Komplikationen musste der Junge zehn Tage lang in der Kölner Universitätsklinik nachbehandelt werden. Dabei waren die Verletzungen des Vierjährigen ganz offensichtlich schwerwiegend: starke Nachblutungen, Gewebeschädigungen und Entzündungen an der freiliegenden Penisoberfläche und der Eichel. Das Landgericht sprach im anschließenden Verfahren gegen den Arzt zwar von einer Körperverletzung, verurteilt wurde er aber trotzdem nicht. Das Urteil entfachte im Juni 2012 die »Beschneidungsdebatte«.

Gesetzlich hatte es diesbezüglich noch keine spezielle Regelung gegeben, doch das änderte sich im Dezember 2012, als der Bundestag mit überwältigender Mehrheit beschloss, dass Eltern über die Beschneidung ihres Sohnes entscheiden dürfen, sofern er noch nicht das 14. Lebensjahr vollendet hat.

Aufgrund der gesetzlichen Lage – denn Beschneidung fiel bis zum Gesetzesbeschluss unter den Tatbestand der Körperverletzung – sah sich die Politik gezwungen, zu handeln und tat dies noch im Dezember desselben Jahres: 434 Abgeordnete aus Koalition und Opposition stimmten für das Gesetz. Dabei gab es lediglich 100 Gegenstimmen sowie 46 Enthaltungen. Ein erstaunliches Votum, wenn man bedenkt, dass sich mit der SPD, den Grünen und den Linken gleich drei Parteien aus dem Bundestag für eine verstärkte Kinderschutzpolitik durch die Aufnahme der Kinderrechte ins Grundgesetz einsetzen.

Ein Änderungsvorschlag von 66 Abgeordneten, der ein Mindestalter von 14 Jahren plus notwendiger Einwilligung des Kindes forderte, wurde mit noch größerer Mehrheit abgelehnt. Bei Juden und Muslimen in Deutschland löste die Entscheidung des Bundestags große Erleichterung aus. Schließlich zählt die Beschneidung dort zu den zentralen Bestandteilen der Glaubenspraxis. Im Judentum erfolgt sie am achten Tag nach der Geburt, im Islam im Alter zwischen sieben Tagen und 14 Jahren.

Nach Meinung der CDU/CSU musste auf das Kölner Urteil eine schnelle Reaktion folgen. „Juden und Muslime fürchten seitdem um die Zukunft ihres religiösen Lebens in Deutschland. Für sie ist die rituelle Beschneidung von Jungen ein elementarer und identitätsstiftender Bestandteil ihrer Religion und ein Ausdruck der Fürsorge für ihre Kinder. Das Kindeswohl umfasst alle Aspekte der Entwicklung von Kindern. Dazu gehört auch die religiöse Sozialisation. Wir respektieren und tolerieren deshalb den Wunsch gläubiger Eltern, ihren Kindern eine religiöse Heimat zu geben“, hieß es in einer Pressemitteilung der Fraktion zum Gesetzesentwurf 1. Die Religionsfreiheit aus Art. 4 GG sei die Grundlage für dieses Gesetz.

Dem halten die Gegner jedoch entgegen, dass auch für Kinder das Recht auf Selbstbestimmung und körperliche Unversehrtheit (Art. 2 GG) Geltung besitzen muss und bei dieser legitimierten Körperverletzung ein Verstoß gegen die Menschenwürde (Art. 1 GG) vorliegt. Indes wird über die Interpretation der Religionsfreiheit ebenso gestritten. Kritiker merken an, dass den Kindern durch die Beschneidung ebenjene entrissen wird.

Es lohnt sich auch ein Blick auf das Tierschutzgesetz, in dem das Kupieren von Gliedmaßen nach § 6 verboten ist – außer bei medizinischer Notwendigkeit. Der Unterschied besteht lediglich darin, dass die Beschneidung von Menschen religiöse Hintergründe hat und das Kupieren der Tiere nicht. Ob die Verschiedenheit der Motive ausreicht, um ein und dieselbe Art der Körperverletzung unterschiedlich zu bewerten, darüber wird diskutiert.

Bislang fiel das Echo gegen dieses Gesetz extrem leise aus, das Thema war schnell vom Tisch. Zu schnell, finden Vereine wie der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte e.V. (BVKJ), die die »Beschneidungsdebatte « wieder in den Fokus rücken wollen. „Die aus religiösen oder kulturellen Gründen erfolgende Entfernung der Vorhaut bei nicht entscheidungs- und einwilligungsfähigen Jungen ist unserer Ansicht nach ein Verstoß gegen das elementare Kindesrecht auf körperliche Unversehrtheit. Für Jungen sollte das gleiche Recht gelten wie für Mädchen, bei denen die Beschneidung als Straftat gilt. Bezüglich der körperlichen Unversehrtheit eines Jungen darf Elternrecht nicht höher gewertet werden als Kindesrecht“, erklärt Dr. Wolfram Hartmann, Präsident des BVKJ.

Auch der Zentralrat der Ex-Muslime setzt sich vehement gegen das beschlossene Gesetz ein. „Die Politik hat auf Druck der religiösen Lobbys nachgegeben. Wir sind nicht antisemitisch und haben nichts gegen Muslime – damit hat es gar nichts zu tun. Es geht um die Verletzung der Rechte des Kindes, deshalb kann man Beschneidung nicht unter den Aspekt der Religionsausübung fassen“, sagt die Vorsitzende vom Zentralrat der Ex-Muslime Mina Ahadi. Die politische Aktivistin und Menschenrechtlerin kämpft seit Jahren gegen religiöse Einengung und für die Säkularisierung, wofür sie in der Vergangenheit oftmals angefeindet wurde.

„Wenn man 18 Jahre alt ist und sich dann beschneiden lassen will, bitteschön. Aber man sollte selbst darüber bestimmen dürfen“, fordert Ahadi. Deutschland habe durch den Gesetzesbeschluss dementsprechend auch in andere Länder, die immer ein Auge auf die Entscheidungen einer demokratischen Regierung werfen, ein falsches Signal gesendet. Durch ihre Verbindungen zu Organisationen in ihrem Herkunftsland Iran und im Irak höre sie fast täglich von Todesfällen in Folge dieser Praktik, weshalb sie eine erneute Diskussion für unabdingbar hält.

Neben dem Körper bleibt manchmal auch die Psyche durch diesen umstrittenen Ritus nicht ganz verschont. Schon ab einem Alter von drei Jahren können sich Kinder an Geschehnisse erinnern, besonders an ein einschneidendes Erlebnis wie dieses. Nach einer Studie des Psychologen Ronald Goldman vom »Circumcision Resource Center« in Boston mit dem Titel »The psychological impact of circumcision« kann eine Beschneidung psychosoziale Folgeschäden anrichten.

Der natürliche Abwehrreflex des Kindes werde unterdrückt und dies löse ein Gefühl von Hilflosigkeit und Machtverlust aus, wie es auch bei sexuellem Missbrauch oder Folterung der Fall sei. Infolgedessen entstehe nicht selten Scham über den beschädigten Penis, was zu einer lebenslangen Meidung sexueller Kontakte führen könne. Außerdem könne die Beschneidung Auslöser von Phobien vor Krankenhäusern oder Ärzten sein und das Gefühl des »Andersseins« eine soziale Ausgrenzung bewirken.

Die Beschneidung gibt es nicht nur beim männlichen Geschlecht. Auch Frauen aus bestimmten Regionen in Afrika sowie einigen Staaten in Südostasien und im Nahen Osten werden beschnitten. Schätzungen der UNICEF zur Folge sind etwa 100 bis 140 Millionen Frauen weltweit von Genitalverstümmelung betroffen. Die Liste der Länder ist lang. Die höchste Verbreitung verzeichnen Somalia, Mali, Guinea, Ägypten, Dschibuti, Sierra Leone, Eritrea, Burkina Faso, Äthiopien, Gambia und der Sudan mit jeweils über 70 Prozent. Als Grund für dieses Ritual wird in diesen Fällen allerdings nicht die Religion, sondern die Kultur vermutet. Ein Indiz hierfür wäre, dass auch Äthiopien als überwiegend christliches Land diesen Brauch pflegt.

In Deutschland wird die Genitalverstümmelung von Frauen nach § 226 a StGB mit einem bis 15 Jahren Freiheitsstrafe verurteilt. Ruft man sich dagegen die überwältigende Mehrheit vor Augen, die in Bezug auf die männlichen Kinder den Ärzten ohne wirklichen Diskurs einen Freifahrtschein zur Körperverletzung erteilte, erscheint das Ganze mehr als bedenklich. Daher sollte die Debatte auch von der Politik wieder aufgegriffen werden.


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