Bildung & Wissen 10.02.2016
Von: VC

Gut gemeint – schlecht gemacht: Die Inklusionsumsetzung ist ein Sparmodell zum Schaden der Kinder und Pädagogen


Gut gemeint – schlecht gemacht: (Foto: Shutterstock.com: julylx)

Gut gemeint – schlecht gemacht: (Foto: Shutterstock.com: julylx)

Deutschland hat die UN-Konvention unterzeichnet und sich augenscheinlich auf den Weg gemacht, die Inklusion umzusetzen. Augenscheinlich, denn bei genauerer Betrachtung erweist sich der Inklusionsansatz in den Grundschulen vieler Länder als Augenwischerei. Die vorgebliche Integration von Kindern mit sonderpädagogischem Unterstützungsbedarf (früher »Sonderschüler«, Lernbehinderte, Körperbehinderte, geistig Behinderte) mutiert zu einem Sparmodell. Nicht nur die Inklusion selbst droht zu scheitern – die Belastung der Grundschulen beeinträchtigt die Entwicklung aller Kinder und erzeugt eine Überforderung der Pädagogen.

Jenseits der nachfolgend beschriebenen Probleme bei der Umsetzung der Inklusion in den Grundschulen und der eklatanten politischen Fehlentscheidungen, die zum Scheitern der Inklusion führen, besteht bei der überwiegenden Zahl der Pädagogen Einmütigkeit in der Bewertung der Inklusion. Die Lehrkräfte erleben in der täglichen Arbeit, wie sich das Miteinander der Unterschiedlichen positiv auf die soziale und emotionale Entwicklung der Kinder auswirkt. Andersartigkeit wird als Normalität erlebt. Unterschiedliche Bedürfnisse und Fähigkeiten werden wahrgenommen. Die Zahl der sozialen Rollen wächst in einem Klassengefüge, in welchem Kinder mit unterschiedlichsten Voraussetzungen zusammen leben. Hilfsbereitschaft, Aufgabenteilung, Unterstützung, Rücksicht sind elementare soziale Fähigkeiten, die in einem nicht inklusiven Kontext weniger bedeutsam sind. Als Gegenpositionen zu einem stark wettbewerbsorientierten Prägungsumfeld fördern sie eine positive Sozialisierung, die jedem Kind neue Optionen eröffnet, sich im Miteinander außerhalb primär leistungsorientierter Bezüge zu erleben.

Auf sozial-emotionaler Ebene funktioniert Inklusion also bereits hervorragend. Und wäre Schule nur ein Ort der sozialen Entwicklung, könnten wir uns bequem zurücklehnen und uns über das Gelingen freuen. Seht her – die Angst vor Irritationen, weil die Eine humpelt, der Andere im Rollstuhl sitzt und die Nächste vielleicht nicht so gut hört oder sieht oder versteht, erwies sich als unbegründet. Es klappt prima – soweit man die Erfolge der sozialen Interaktion der Kinder und Pädagogen betrachtet. Die machen also ihren Job hervorragend.

Die Kehrseite der Medaille

Schaut man sich die Voraussetzungen an, die auf schulischer Ebene die Wissensvermittlung und das Lernen sicherstellen sollen, die auch den unterstützungsbedürftigen Kindern eine optimale Entwicklung bieten sollen, ergibt sich ein ganz anderes Bild. Hier erweist sich die Inklusionspraxis als Illusionsbeweis. Die Umsetzung der Inklusion ist längst als ein Sparprogramm entlarvt, in dessen Folge sowohl Kinder ohne als auch die Kinder mit sonderpädagogischem Unterstützungsbedarf massiv betroffen sind.

Vor der Inklusion waren die Systeme getrennt, es gab die heile Welt der »Gesunden« und die der »Behinderten «. Die Inklusion hebt diese Unterschiedsbetrachtung auf. Inklusion betrachtet die Unterschiedlichkeit nicht als Diskriminierungskriterium, sondern als gesellschaftliche Vielfalt. Inklsion sieht auch nicht die Aufgabe in der Integration einer benachteiligten Minderheit, sondern die gleichberechtigte Entwicklung aller auf der Grundlage eines Systems, das allen Teilhabe ermöglicht – in der Schule, im Beruf, auf allen Ebenen der Gesellschaft. Wesen der Inklusion ist es also, dass Menschen mit den unterschiedlichsten Eigenschaften zusammenleben und zusammen lernen. Dass die unterschiedlichen Eigenschaften und Fähigkeiten von den Schulen neue Kompetenzen und eine bessere Ausstattung verlangen, liegt auf der Hand.

Zur Ausstattung der Schulen gehört dabei nicht nur eine durchgehende Barrierefreiheit und – je nach Situation der individuellen Schulkinder – spezielle technische Hilfs- und Lehrmittel. In erster Linie erfordert ernsthaft betriebene Inklusion Zeit und spezielle Sachkunde, um Kinder mit sonderpädagogischem Unterstützungsbedarf einzelfallgerecht fördern zu können.

Doch an allen Enden der drei Säulen: Infrastruktur, Kompetenz und Stundenkontingente hapert es landauf, landab. Vor der Inklusion gab es speziell ausgestattete Förderschulen mit besonders qualifizierten Sonderpädagogen. Die meisten dieser Schulstandorte wurden aufgelöst. Allerdings wurde die wegfallende Infrastruktur und Ausstattung nicht auf die Grundschulen übertragen, ebenso wenig wie die Budgets, mit denen die Förderschulen finanziert waren. Schlimmer aber wiegt der Umstand, dass für die Kinder mit Förderbedarf weniger pädagogische Ressourcen zur Verfügung stehen. Dadurch, dass die Kinder sich in der Schulgebietsfläche auf die einzelnen Schulen verteilen, gibt es – was auch die korrekte Absicht der Inklusion ist – keine »Sonderschulklassen« mehr. Was gesellschaftlich erwünscht ist, hat aber eine klare Folge: Die wenigen Sonderschulpädagogen verteilen nun ihre Stunden auf viele Standorte und unterweisen dabei oftmals nur ein oder zwei Kinder, statt wie zuvor bis zu maximal sieben Kinder in einem Klassenverband im Fall von Kindern mit geistiger Entwicklungsbeeinträchtigung.

Die automatische Verknappung der Sonderpädagogikstunden führt zu einer pauschalen Zuweisung von Stundenkontingenten an Schulen. In Niedersachsen sind es zwei Stunden pro Klasse wöchentlich. Dabei kommt es nicht darauf an, wie viele Kinder mit Förderbedarf in der Klasse sind und auch nicht, wie intensiv eine Förderung ausfallen müsste, um das Kind optimal zu fördern. Und selbst bei den Fällen starker geistiger Entwicklungsstörung sind die Stunden gedeckelt. So können Schulen für einen Schüler mit geistiger Entwicklungsstörung fünf Stunden pro Woche beantragen – wohlgemerkt: beantragen. Nicht selten gibt es keine Zuweisung, da es an Fachkräften mangelt und ebenso kommt es häufig vor, dass sonderpädagogische Fördereinheiten ganz ausfallen, wenn die Lehrkraft erkrankt ist – denn es gibt in der Regel keinen Ersatz.

So übernehmen die Grundschulpädagogen in weiten Teilen die Förderung der unterstützungsbedürftigen Kinder. In Eigenregie und durch Rücksprache mit den Sonderpädagogen entwickeln sie Ersatzlösungen, um eine Förderung zu gewährleisten und versuchen zugleich, allen anderen Kindern im Klassenverband gerecht zu werden. Und schon hier wachsen die Aufgaben für die Lehrkräfte stetig an. Die Leistungsunterschiede, aber auch die extrem heterogenen Entwicklungsstände machen den Alltag in Klassen ohne Kinder mit besonderem Förderbedarf bereits sehr anspruchsvoll. Kommen nun noch Kinder hinzu, die mehr Input und vor allem mehr Begleitung im Schulalltag brauchen, stehen die Lehrkräfte vor einem Dilemma, denn sie können entweder allen zu wenig Zeit zukommen lassen oder sich für einige mehr und andere weniger bereithalten. Und ganz am Rande sei bemerkt: Mehrstunden für die aufwändigere Vorbereitung von Unterrichtseinheiten für die unterschiedlichsten Anforderungen werden den Lehrkräften nicht zugestanden.

Die Bildungspolitik hat damit scheinbar schon abgeschlossen. Es werden in einigen Ländern bereits keine reinen Sonderpädagogen mehr ausgebildet. Sonderpädagogik beziehungsweise Inklusionspädagogik schrumpft zu Paralleleinheiten des Studiums. Das Fach der Spezialisten, die sich mit den unterschiedlichsten Einschränkungen und Entwicklungsstörungen befassen, wird so zum Nebenfach für alle. Der Hinweistext auf der Website der Uni Bremen ist hier eine Offenbarung:

>> Die Absolvent/innen erwerben eine Doppelqualifikation: Sie können sich für das Referendariat an Grundschulen oder Sekundarschulen (mit besonderer Qualifikation für Integrationsklassen bzw. heterogenen Lerngruppen) sowie für das Lehramt an Sonderschulen bewerben. Im Masterstudium werden aus den folgenden vier Förderbereichen zwei Schwerpunkte ausgewählt: »Lernen«, »Emotionale-soziale Entwicklung«, »Kommunikation und Sprache« und »Geistige Entwicklung«. <<

Und schon heute sitzt die Grundschullehrerin Marianne Müller (Name von der Red. geändert), deren Studienschwerpunkte Mathematik und Sachunterricht waren, in einer Förderstunde, um ihrer Schülerin Marie, die unter einer schweren Sprachentwicklungsstörung leidet, weiterzuhelfen. Die einzige Qualifikation für diese Indikation war eine eintägige Kurzfortbildung. „Manchmal stehe ich vor einer Klasse und denke: Wem soll ich jetzt zuerst helfen?“ Sonderpädagogen mit dem Schwerpunkt Sprache studierten allein diesen Schwerpunkt mehrere Semester lang.

Wirtschaftlich ist die Inklusion ein Erfolg. Weniger Standorte müssen unterhalten werden, weniger höher bezahlte Sonderpädagogen finanziert werden. Die universitäre Ausbildung wird gestrichen, die Aufgabe, die Integration ohne taugliche Mittel und ohne ausreichende Stundenkontingente zu lösen, wird den Grundschulpädagogen aufgezwungen, eine Entlastung für Vorbereitung und Qualifikation gibt es nicht.

Der Grund allen Übels ist eine Planung, in der Inklusion als deklaratorische Symbolik umgesetzt wird – ohne jedoch den Kern der Inklusion verstanden zu haben. Die Diskriminierung der Kinder mit Förderbedarf ist jetzt nicht mehr offensichtlich, da sie in den Klassenverbänden aufgenommen werden. Nun funktioniert sie inhärent, da man ihnen einfach keine oder zu wenig Förderung zukommen lässt. Dass das mit der UN-Charta nicht in Einklang steht, dämmert immer mehr Menschen.


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