Gesellschaft 15.11.2015
Von: Marianne Büsing

Kaufaul – Eine Gesellschaft ohne Biss?


Kaufaul – Eine Gesellschaft ohne Biss? (Foto: Shutterstock.com GongToGongTo)

Kaufaul – Eine Gesellschaft ohne Biss? (Foto: Shutterstock.com GongToGongTo)

Puh – das Leben ist wirklich ganz schön anstrengend! Und so denken oftmals auch die kleinen Menschenkinder, wenn es um das Kauen geht. Einige sind geradezu wild darauf, alles genau so zu futtern, wie Mama und Papa es tun – doch gibt es einige, die sich mit allen Mittel vor dem Kauen drücken und ihre Eltern dazu bringen, alles zu pürieren, klein zu schneiden, zu schälen und weich zu kochen.

Starten die Eltern dann doch wieder einmal den Versuch, dem inzwischen zweieinhalb-jährigen Kind stückige, feste oder gar harte Nahrung anzubieten, werden alle Register des Verweigerns gezogen: Heulen, Kreischen, Hungern, Betteln und was sonst noch den Eltern das Gefühl gibt, grausam zu sein und etwas Unmögliches vom Kind zu verlangen. Da ist es nur allzu verständlich, dass Eltern irgendwann einknicken und nachgeben. Doch das macht das Ganze leider nur noch schlimmer.

Warum ist Kauen wichtig?

Kauen dient zum Einen zum Zerkleinern der Nahrung und verhindert, dass wir uns an zu großen Brocken verschlucken. Besonders für Kinder und alte Menschen, die nicht ausreichend kauen, ist die Erstickungsgefahr sehr groß. Zum Anderen ist Kauen für diverse Abläufe in unserem Körper wichtig. Und das gilt übrigens nicht nur für Kinder, auch Erwachsene nehmen immer häufiger zu weiche Nahrung zu sich. Dabei richtet man mit dem ständigen Fast-Food, den Smoothies oder weichem Brot oft viel mehr an, als allgemein bekannt ist.

Kauen ist wichtig für die Zahngesundheit.
Durch die Bewegung des Unterkiefers werden Zähne, Zahnfleisch besser durchblutet und die Kiefermuskulatur gestärkt. Durch gründliches Kauen wird die Nahrung vollständig eingespeichelt. Das ist deshalb so wichtig, weil im Speichel Zellen des Immunsystems stecken. Somit werden Viren und Bakterien schon während des Kauens bekämpft. Und mehr noch: der Speichel schwemmt Säuren weg und remineralisiert die Zähne.

Kauen aktiviert die Wachstumszonen im Gesicht.
Der kindliche Kiefer wächst in die Breite, die Muskulatur des mittleren Gesichts und der Zunge wird trainiert und gestärkt, die richtige Lage der Zunge am Gaumen sorgt dafür, dass die Zähne in Folge genug Platz haben. Dies sind wichtige Voraussetzungen für das spätere Sprechenlernen.

Kauen fördert die Sprachentwicklung. Die Voraussetzung für eine normale Sprachentwicklung ist ein funktionierendes Zusammenspiel des Gehirns, der Augen und Ohren, des Mund-Nase-Rachenraums, des Kehlkopfes und der Lunge (Atmung). Wenn auch nur ein Organ ausfällt, kann das zu einer verzögerten Sprach- und Sprechentwicklung führen. Sprachdefizite sind keine Lappalie, sondern können für die Entwicklung der Kinder eine große Belastung darstellen: neben einem verminderten Selbstwertgefühl tauchen im sozialen Bereich Probleme auf, weil sich das Kind nicht gut mitteilen kann und Schwierigkeiten beim Knüpfen von Beziehungen hat. Das führt nicht selten zu großer Unzufriedenheit, die sich in Aggressionen oder psychischen Problemen äußern kann. Diese Kinder haben auch wesentlich schlechtere Bildungschancen – erst Probleme in der Schule und später schlechtere Karten im Beruf.

Kauen macht satt und hilft beim Abnehmen und Schlankbleiben. Wer nicht ausreichend kaut, nimmt zu schnell zu viele Kalorien zu sich. Das macht nicht nur dick sondern überfordert auch die Verdauung. Das natürliche Sättigungsgefühl setzt außerdem nicht nur durch die Menge der Nahrung im Magen ein sondern wird über die Kautätigkeit gesteuert. Dabei dauert es mindestens 20 Minuten, bis der Körper dem Gehirn eine Sättigung signalisieren kann.

Kauen verbessert die Gesundheit.
Die Zähne dienen nicht nur der Nahrungsaufnahme. Zusammen mit dem restlichen Kieferapparat sorgen sie auch dafür, dass die Wirbelsäure gerade ist. Wer ausreichend kaut, wirkt Verspannungen entgegen. Außerdem unterstützt gründliches Kauen die Verdauung, denn im Speichel sind Enzyme enthalten. Diese spalten die Nahrung auf, sodass sie vom Verdauungssystem besser verarbeitet werden können. Typische Verdauungsprobleme wie Völlegefühl, Verstopfung und Blähungen können durch langsames Kauen vollständig verschwinden.

Kauen bringt den vollen Geschmack zur Geltung.
Auf der Zunge sitzen bekanntlich die Geschmacksknospen – aber der Geschmack wird auch über die Nase wahrgenommen. Erst wenn die Nahrung zu Brei zerkaut wurde, kann sich der volle Geruch und somit auch der volle Geschmack entfalten.

Tipps: Kaufaulheit bei Kindern vorbeugen

Um von vornherein zu verhindern, dass ein Kind kaufaul wird, können Eltern tatsächlich einiges tun. Bereits beim Säugling wird die natürliche Entwicklung der Muskeln durch das anstrengende Saugen an der Brust optimal entwickelt. Diese Muskeln benötigt das Kind später beim Kauen und Sprechen. Wer sein Kind nicht stillt oder bei der Wahl des Flaschensaugers eine zu große Öffnung und keinen tropfenförmigen Sauger und Nuckel nutzt, macht es dem Kind schon vom ersten Tag an viel zu leicht. Die Folge: der Muskelaufbau wird behindert. Eltern sollten dem Kind auch beispielsweise das Nuckeln oder Daumenlutschen schnellstmöglich abgewöhnen.

Die Ernährung sollte altersgerecht und nicht zu weich sein. Dabei sollte die Konsistenz des Essens langsam von flüssig über weich zu breiig bis stückig bis hin zu fest und hart verändert werden. Nudeln und Gemüse sollten nicht ganz weich gekocht werden. Rühren Sie etwas Müsli in Joghurt und bieten Sie viel Rohkost und Obst an. Außerdem können auch die Kleinsten schon an einem ganzen Apfel, einer knackigen Möhre oder einem getrockneten Stück Brot herumknabbern.

Bieten Sie drei Haupt- und zwei Zwischenmalzeiten in altersgerechter Konsistenz an und achten Sie darauf, dass die Kinder kleine Bissen zu machen und gründlich zu kauen, bis alles zu Brei geworden ist. Selbst breiige und flüssige Nahrung sollte tatsächlich gekaut und gut eingespeichelt werden. Halten Sie ausreichend Pausen zwischen den Mahlzeiten ein. Dazu zählt nicht nur das Essen oder Knabbern, sondern auch das Trinken. Kaubonbons und Kaugummis sind allerdings keine Alternative, um eine Ernährung mit zu weicher Kost auszugleichen.

Schwieriger ist es, wenn das Kind bereits kaufaul geworden ist oder sich eventuell sogar Folgeprobleme abzeichnen. Doch dann können sich Eltern fachkundige Unterstützung beim Kinderarzt und Ernährungsberater holen und stehen keinesfalls alleine da.

Altersgerechte Ernährung
www.familie.aok.de/de/kleinschmecker/kleinschmecker-tipps
www.ernaehrung.de/tipps/alter/alter13.php


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