Gesellschaft 10.02.2016
Von: Kathrin Lührs

Lust ohne Risiko? Verhütungsmethoden und ihre Gefahren


Lust ohne Risiko (Foto: Shutterstock.com: Image Point)

Lust ohne Risiko (Foto: Shutterstock.com: Image Point)

Die Geschichte der Empfängnisverhütung reicht bis ins Altertum. Die Methoden mögen einem heute durchaus kurios vorkommen, haben aber zum Teil auch ihren Zweck erfüllt: So haben Frauen zerriebene Akazienblätter mit Honig vermischt, die Mischung auf eine Mullbinde gegeben und das Ganze dann vaginal eingeführt. Der Philosoph Aristoteles berichtete, dass sich Frauen zur Verhütung den Teil der Gebärmutter, der mit dem männlichen Samen in Kontakt kommt, mit Zedernöl, Bleiöl oder Weihrauch einrieben. Das Bleiöl war zwar hochgiftig, hat aber die Beweglichkeit der Spermien verlangsamt. Ein indisches Rezept aus den 8. Jahrhundert besagt, dass man die Vagina mit einer Mischung aus Honig und Ghee (eine Butterart) einreiben und anschließend mit Öl und Steinsalz „verschließen“ soll. Auch heute wird Steinsalz noch als Spermizid einsetzt. Das Kondom erscheint in der Geschichte das erste Mal in einem 1605 erschienenen Traktat eines niederländischen Moraltheologen, welcher diese Methode jedoch als unmoralisch verurteilte. Die erste Hormonpille zur Empfängnisverhütung kam in Deutschland am 01. Juni 1961 auf den Markt. Aktuelle Präparate sorgen derzeit in verschiedenen Medien aufgrund möglicher Nebenwirkungen für jede Menge Wirbel.

Heute gibt es eine recht große Auswahl an Verhütungsmethoden. Zur Beurteilung der Sicherheit der verschiedenen Methoden dient der sogenannte Pearl-Index. Dieser gibt an, wie viele von 100 Frauen, mit dem jeweiligen Verhütungsmittel schwanger werden, wenn sie über ein Jahr hinweg mit der Methode verhüten und regelmäßigen Geschlechtsverkehr haben. Die Häufigkeit spielt dabei keine Rolle, wichtig ist die Beachtung der korrekten Anwendung des jeweiligen Verhütungsmittels. Je niedriger der Pearl-Index, desto sicherer ist die Methode.

Einen recht hohen Pearl-Index weisen die natürlichen Methoden zur Verhütung auf. Bei diesen Methoden werden die fruchtbaren Tage im Menstruationszyklus der Frau bestimmt, um während der unfruchtbaren Tage Geschlechtsverkehr ohne weitere Maßnahmen ausüben zu können. Während der fruchtbaren Tage ist man dann enthaltsam oder greift auf Alternativen zurück, die in Bezug auf die Sicherheit dann wieder separat betrachtet werden müssen. Eine unter Männern weit verbreitete, aber auch extrem unsichere, natürliche Methode zur Verhütung ist der »Coitus interruptus«, die Unterbrechung des Aktes vor der Ejakulation (Pearl-Index 4-18). Der Frau stehen da schon mehr Möglichkeiten zur Verfügung: Die Hormon-Messung, bei der die Frau durch einen Teststreifen im morgendlichen Urin den Eisprung ermitteln kann, die aber auch sehr teuer und vor der Ovulation sehr unsicher ist. Die Temperatur-Methode beinhaltet die Beobachtung der morgendlichen Basaltemperatur (Aufwachtemperatur) und die Billings-Methode erfordert die Beobachtung des Zervikalschleims (Schleim am Gebärmutterhals). Eine kombinierte Auswertung von Temperatur und Schleim wird als Symptothermale-Methode bezeichnet. Um die fruchtbaren Tage auswerten zu können, stehen der Frau PC-Programme und Online-Angebote zur Verfügung. Die natürlichen Verhütungsmethoden können, sofern sie richtig angewandt werden, sehr zuverlässig sein, bedürfen jedoch auch etwas Übung in der Umsetzung. Zudem darf man wichtige Faktoren, die den Zyklus beeinflussen, wie Alkohol, Medikamente, Schlafmangel oder auch Zeitverschiebungen auf Reisen, Schichtarbeit und ein Lebensalter über ca. 40 Jahren (ab wann die Ovulation etwa entfällt), nicht vergessen.

Etwas sicherer und mit einem niedrigeren Pearl-Index versehen, sind die mechanischen Methoden zur Verhütung. Diese Methoden beruhen darauf, dass das Eintreten von Spermien in die Gebärmutter verhindert wird und somit keine Spermien die befruchtungsfähige Eizelle erreichen. Die am häufigsten angewandte mechanische Methode ist das Kondom, welches es nicht nur für den Mann, sondern auch für die Frau (Femidom) gibt. Kondom und Femidom sind die einzigen Verhütungsmittel, die neben der Empfängnisverhütung auch vor sexuell übertragbaren Krankheiten schützen und immer zusätzlich empfehlenswert sind, sollte diesbezüglich ein Schutzbedürfnis bestehen. Weitere mechanische Verhütungsmethoden sind das Diaphragma (Scheidenpessar) und der Verhütungsschwamm. Sie alle werden in der Scheide, meist vor dem Muttermund platziert, was etwas Übung voraussetzt. Während der Schwamm schon ein Spermizid enthält, sollte dies bei einem Diaphragma noch kombiniert verwendet werden. Die chemisch herstellten Spermizide, die als separate Verhütungsmittel einzuordnen sind, gibt es bundesweit nur noch in Form von Zäpfchen. Sie werden direkt in der Vagina angewandt. Sie können allerdings auch heftige allergische Reaktionen hervorrufen und Schleimhautreizungen provozieren. Das Kondom ist unter den mechanischen Verhütungsmethoden die sicherste, solange es richtig verwendet wird.

Eine hormonfreie und dazu noch sehr sichere Verhütungsmethode bieten die Intrauterinpessare, wie Kupferspirale und Kupferkette. Sie hemmen durch Kupferionen die Spermienbeweglichkeit und stören die Interaktion zwischen Spermien und Eizelle. Durch die physische Reaktion auf den Fremdkörper wird sogar zusätzlich die Einnistung einer Eizelle verhindert. Die verhütende Wirkung ist sofort nach Einlage gegeben und das sogar fünf Tage rückwirkend. Kette oder Spirale müssen vom Arzt eingesetzt werden. Bei beiden besteht jedoch die Gefahr einer Eileiterschwangerschaft und eventuell stärkerer Regelblutungen, dass die Gebärmutterwand bei der Einlage durchstoßen wird, sie zu Verletzungen der Gebärmutter führt oder auch ausgestoßen werden kann. Die Verwendung der Spirale kann also auch durchaus mit Schmerzen verbunden sein oder durch Ausscheiden gänzlich die Wirkung verlieren.

Schlussendlich bleibt noch die hormonelle Empfängnisverhütung. Es gibt sie in verschiedenen Varianten: als Kombinationspille, als Pflaster und Scheidenring. Hormonelle Methoden enthalten jeweils Östrogene und/oder Gelbkörperhormone in Kombination, was dazu führt, dass die Eierstöcke weitestgehend die Arbeit einstellen und der Eisprung meist ausbleibt. Minipille, Dreimonatsspritze, Stäbchen oder Hormonspirale enthalten jeweils ausschließlich Gelbkörperhormone und unterdrücken die Eierstockfunktion daher nicht. Durch die Kombination von Östrogen und Gestagen in einer Pille steigt die Konzentration beider Hormone im Blut. Dies geschieht durch eine direkte Blockade der Eierstockfunktion und durch einen Eingriff in übergeordnete Regelkreise. So wird durch die in der Pille enthaltenen Hormone in der Hirnanhangdrüse die Ausschüttung von FSH (follikelstimulierendes Hormon) und LH (luteinisierendes Hormon) gehemmt. FSH steuert maßgeblich Wachstum und Reifung von Eizellen, während eine LH-Ausschüttung im Blut für die Auslösung des Eisprungs notwendig ist. Das Gelbkörperhormon Gestagen verhindert die Eireifung und den Eisprung. Außerdem bewirkt es, dass sich der im Gebärmutterhals sitzende Schleimpfropf unter Östrogeneinfluss nicht verflüssigt. Er verschließt den Gebärmutterhals und erschwert das Eindringen von Spermien. Alle hormonellen Methoden haben aber eines gemeinsam: sie können starke Nebenwirkungen haben.

„Junge Frauen fragen erstmals häufig im Alter zwischen 16 und 19 Jahren nach Verhütungsmitteln. Glücklicherweise geschieht dies in aller Regel vor dem ersten Sexualverkehr“, erklärt Sigrid Prolingheuer, Frauenärztin aus Bremerhaven. Sie hat auch generell den Eindruck, dass die meisten jungen Menschen heute viel offener und selbstverständlicher mit dem Thema Verhütung umgehen, als das noch vor 20 Jahren der Fall war. In ihrer Praxis gibt es kein einheitliches Vorgehen bei der Empfehlung von Verhütungsmitteln. „Es kommt sehr auf die individuelle gesundheitliche Vorgeschichte, eventuelle Beschwerden im Rahmen des Menstruationszyklus, Risikofaktoren der jeweiligen Verhütungsmittel und auch persönliche Vorlieben an. Allgemein lässt sich aber sagen, dass ein Verhütungsmittel möglichst sicher, mit nur wenigen Nebenwirkungen sein sollte“, so Prolingheuer.

Verschiedene Medien berichten heute immer wieder, dass gerade das beliebteste Verhütungsmittel, die Anti-Baby-Pille, mit höheren Risiken verbunden ist. Über die Jahre haben sich die Zusammensetzungen der Östrogene und Gelbkörperhormone in der Pille immer wieder verändert. Die Minipille beinhaltet ausschließlich Gelbkörperhormone und gehört zu den ersten Pillengenerationen. Da die Gelbkörperhormone der ersten Generation aber häufig nicht gut vertragen werden und oft zu Akne führen, werden sie kaum noch verordnet. „In aller Regel wird als Erstverordnung eine Pille mit dem Gelbkörperhormon Levonorgestrel (LNG) verschrieben, welches sich in den Pillen der zweiten Generation wiederfindet“, so Prolingheuer. Manchmal gibt es Gründe, zu einer anderen Pille zu wechseln, unter anderem bei schmerzhaften oder zu starken Blutungen, Flüssigkeitseinlagerungen in Beinen und Brüsten, Kopfschmerzen oder Übelkeit bei der Einnahme, Zwischenblutungen und vieles mehr. „Dann muss genau abgewogen werden, ob eine andere Pille verordnet werden darf und wenn ja, welche. Eine Pille der dritten oder vierten Generation, kann nach Ausschluss zusätzlicher Risikofaktoren, durchaus verschrieben werden“.

Die Pillen der dritten und vierten Generation sind kombinierte orale Kontrazeptiva (zusammengesetzte oral aufzunehmende Verhütungsmittel – KOK) und beinhalten sowohl Östrogene als auch Gelbkörperhormone. Durch den Östrogenanteil steigen die Risiken schwerer Nebenwirkungen, so beispielsweise an einer venösen Thromboembolie (VTE) zu erkranken. Entscheidend ist dafür meist das jeweils enthaltene Gelbkörperhormon, welches nicht vertragen wird. Bei einer VTE bilden sich Blutgerinnsel in den Venen, die sich losreißen können und durch das Herz in die Lunge gelangen. Die Gefäße können dort verstopfen und eine Embolie bewirken. In der Folge fällt ein Teil der Lunge aus, was bis zum Tod führen kann. In jedem Gespräch zur Pillenanwendung sollte die Patientin über die verschiedenen Symptome einer VTE hingewiesen werden. Thrombosen in den Beinen können zu Schmerzen, Schwellungen, Schweregefühl und Änderung der Hautfarbe des Beins führen. Lungenembolien können akute Schmerzen in der Brust, plötzlichen Husten oder unerklärliche Atemnot verursachen und auch zum Ersticken führen. „Auch in unserer Praxis gab es schon Fälle von Thrombosen und sehr selten sogar in Verbindung mit Lungenembolien. Die Wahrscheinlichkeit, dass die KOK dafür verantwortlich waren, ist zwar sehr hoch, aber nicht zu hundert Prozent nachzuweisen, denn in vielen Fällen spielt auch die gesundheitliche Vorgeschichte der Patientin eine wesentliche Rolle. Man darf auch nie vergessen, dass das Risiko einer Thrombose auch in der Schwangerschaft und bis zu zwölf Wochen nach einer Entbindung sehr hoch ist“, erklärt sie weiter. Die Wahrscheinlichkeit unter der Einnahme von KOK eine venöse Thromboembolie zu erleiden, ist im ersten Jahr der Pilleneinnahme am höchsten. Genauso verhält es sich, wenn die Einnahme der Pille über vier Wochen ausgesetzt wurde und dann mit der Einnahme neu angefangen wird.

Weitere Risikofaktoren sind das Lebensalter – mit über 35 Jahren sind die Gefäße weniger glatt und elastisch, wodurch sich mehr Gerinnsel bilden können –, Zigarettenkonsum, Übergewicht, erhöhte Blutfettwerte, Krampfadern, Herzerkrankungen und bestimmte Bluterkrankungen sowie Bluthochdruck, bestimmte rheumatische Erkrankungen, aktiver Krebs, Diabetes mellitus und längere Phasen der Immobilisierung, wie beispielsweise längere Flugreisen, Bettlägerigkeit oder nach Operationen. Neben der venösen Throboembolie weist die Pille zwar noch weitere Nebenwirkungen auf, die medizinisch belegt sind – unter anderem Bluthochdruck, Leberwertveränderungen, Myomwachstum (Wucherungen, die in der Muskelschicht der Gebärmutter auftreten), unregelmäßige Menstruation, Verstimmungszustände, Brustspannen, verstärkter oder verminderter Appetit – „Allerdings“, so Prolingheuer „werden die heutigen Pillen meist sehr gut vertragen und sind sehr sicher. Der Nutzen überwiegt den Nebenwirkungen normalerweise deutlich“, sagt die Frauenärztin.

Über Anwendung, Nutzen und Risiken der Pillenanwendung sollte immer ausführlich mit dem behandelndem Arzt gesprochen werden. Frauenärzte/innen sind dazu angehalten, ihre Patientinnen grundsätzlich über individuelle Risikofaktoren zu befragen und über potenzielle Nebenwirkungen aufzuklären. Im Idealfall erhält die Patientin ein schriftliches Informationsblatt. Durch den sogenannten »Rote-Hand-Brief« der pharmazeutischen Unternehmen, sind Ärzte immer aktuell auf dem neuesten Stand bezüglich neu erkannter Arzneimittelrisiken und können so ihre Patienten bestens informieren. Sigrid Prolingheuer geht in ihrer Praxis noch einen Schritt weiter: „Bei nicht zu vertretenden, medizinischen Risiken, verweigern wir in unserer Praxis sogar die Rezeptierung der Pille. Das wird natürlich nicht immer freudig aufgenommen, vor allem wenn die Pille subjektiv gut vertragen wird. Aber die Sicherheit der Patientin geht vor.“

Wer sich bei der Wahl des richtigen Verhütungsmittels unsicher ist, sollte sich bei seinem Arzt umfangreich beraten lassen. Wer seine Familienplanung abgeschlossen hat, kann mit einer Sterilisation künftige Schwangerschaften sicher verhindern. Die Sterilisation beim Mann (Vasektomie) ist ein minimaler Eingriff, der Ambulant vorgenommen wird. Der Pearl-Index dieser Verhütungsmethode ist am niedrigsten. Anders als die sichereren Verhütungsmethoden, welche Frauen zur Verfügung stehen, hat die Sterilisation keine Nebenwirkungen oder Risiken. Sie verhindert sicher eine Schwangerschaft und vermeidet gesundheitliche Belastungen durch Chemikalien, Metalle und Hormone.

Weiterführende Infos und Quellen
https://de.wikipedia.org/wiki/Empfängnisverhütung
www.bfarm.de/kontrazeptiva
www.frauenaerztinnen-am-meer.de 


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