Gesellschaft 13.02.2017
Von: mb

Scheitern als Chance – Frustrationstoleranz ist eine Voraussetzung für Lebensglück


Scheitern als Chance

Scheitern als Chance (Foto: TravnikovStudio shutterstock.com)

Ihre Eltern fühlen sich in einem Netz widersprüchlicher Gefühle gefangen: Der Wut auf ihr aufsässiges Kind, das kein »Nein« akzeptiert, dem schlechten Gewissen, wenn sie Karla einmal wieder angebrüllt haben, weil sie einfach nicht hört und dann wiederum der Freude über das herzerwärmende Lächeln ihres Engels, wenn sie alle Wünsche einfach erfüllen.

Verständlicherweise sind Eltern nach einem anstrengenden Arbeitstag häufig einfach zu erschöpft und abgekämpft und erlauben darum alles, was die Kinder möchten – mit dem resignierenden Gefühl, einfach keine Kraft und keine Nerven zu haben, um den Stress auszuhalten, der zwangsläufig folgen würde. „Aber das ist eine Ausnahme, Karla!“, heißt es dann oft und nicht selten reiht sich tagtäglich Ausnahme an Ausnahme. Dadurch lernen die Kinder aber, dass es sich lohnt, zu quengeln, zu betteln, zu diskutieren, sich zu verweigern oder zu toben und dass ein „Nein!“ der Erwachsenen meistens zu einem seufzenden „Aber nur ausnahmsweise!“ mutiert, wenn sie sich nur genug gegen die unliebsamen Anweisungen auflehnen. Sie leben ausschließlich nach dem Lustprinzip und lernen nicht, Anforderungen zu erfüllen, die nicht ihren eigenen Interessen entsprechen.

Manche Eltern versuchen sogar, ihr Kind von vornherein vor jeglichen unangenehmen Erfahrungen, Misserfolgen und Enttäuschungen zu bewahren. Sie lassen ihr Kind gar nicht erst in Situationen kommen, in denen es beispielsweise auf dem Spielplatz von anderen Kindern Zurückweisung erfährt oder Konfliktsituationen erlebt. Sie lassen es nur mit »Freunden« spielen, meiden öffentliche Spielplätze oder greifen sofort in eine Situation steuernd ein, in der das Kind etwas Negatives erleben könnte. Durch ein solches Verhalten der Überbehütung verhindern Eltern allerdings, dass Kinder lernen, mit frustrierenden Situationen umzugehen und nehmen ihnen die Chance, selber Lösungen für diese normalen Alltagsprobleme zu finden und sich selbst zu behaupten.

Frustrationstoleranz

Das Problem der »geringen Frustrationstoleranz« zeigt sich nicht nur im Familienalltag und in der Freizeit, sondern auch in der Schule – und im späteren Erwachsenenalter. Kinder, die in jungen Jahren nicht mit Enttäuschungen, Misserfolgen oder Kritik umzugehen gelernt haben, reagieren auch oft Lehrern gegenüber mit Wut und Aggression oder ziehen sich zurück, verweigern jegliche Mitarbeit und schrecken vor Herausforderungen zurück oder werden zum Klassenclown. Weil sie keine Misserfolge und Enttäuschungen kennen, können sie nicht mit ihnen umgehen. Daraus können auch Essstörungen und andere psychosomatische Störungen, wie Kopf- und Bauchschmerzen, resultieren.

Menschen, die nur über eine geringe Frustrationstoleranz verfügen, sind oft unzufrieden und neigen dazu, sich auf die negativen Dinge des Lebens zu konzentrieren. Das Aufregen über Kleinigkeiten und das Gefühl der Antriebslosigkeit, des Selbstmitleids bis hin zur Depression, sind mögliche Folgen dieser fehlenden Reife. Unangenehme Arbeiten werden aufgeschoben oder gemieden. Schon ein kleiner Rückschlag führt dazu, dass ein Vorhaben ganz aufgegeben wird. Wieder andere essen aus Frust oder meinen, ihr Leben mit Suchtmitteln besser ertragen zu können.

Wie man mit frustrierenden Erfahrungen souverän umgehen kann, lernen Kinder zum einen am Vorbild der Eltern. Zum anderen ist es wichtig, sie schlichtweg ihre eigenen Erfahrungen machen zu lassen und ihnen im Nachgang zur Verfügung zu stehen, um ihren Schilderungen zu folgen und sie bei der Bewältigung der Erfahrung empathisch zu begleiten. Dazu müssen Eltern ihren Kindern erst einmal Freiräume für eigene Erfahrungen und die Chance auf lehrreiches Scheitern offen halten. Statt den Kindern mögliche Probleme und Unannehmlichkeiten aus dem Weg zu räumen, sollten Eltern hin und wieder ganz bewusst Situationen dulden, bei denen ihre Kinder lernen, dass es nicht immer nur nach ihrer Nase laufen kann. Potenziell frustrierende und durchaus auch schmerzhafte Erfahrungen sind wertvolle und entwicklungspsychologisch notwendige Gelegenheiten, in denen das Kind sich im Bezug zur wirklichen Welt erlebt, die auch in späteren Jahren nicht aus Zuckerwatte bestehen wird. Das funktioniert aber nur, wenn Eltern das regelmäßig zum Leben gehörende Misslingen nicht als Scheitern interpretieren. Täten sie das, würden sie damit dem Kind vermitteln, dass Misserfolge mit einem Versagen gleichzusetzen sind. Das wäre fatal.

Es muss Eltern klar sein, dass Fehler und Misserfolge Erlebnisse sind, aus denen Kinder lernen. Grundlage für die emotionale Reifung der Heranwachsenden ist stets, ein Verständnis für die Gefühle der Frustration des Kindes aufzubringen. Und wenn wirklich mal etwas gar nicht klappen will, tut es gut, gemeinsam zu überlegen, warum. Das Aufzeigen von Alternativen und das Lenken der Aufmerksamkeit auf Positives können klar machen, dass schwierige Situationen kein Weltuntergang sind und zum Leben dazugehören. Gut beraten sind Eltern, wenn sie ihr Kind dabei nicht für Ergebnisse, sondern für die Anstrengungsbereitschaft belohnen. Ein erster Platz ohne Anstrengung zählt weniger als ein siebter Platz, für den das Kind alles gegeben hat.


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