Service & Gesundheit 10.02.2016

Was ist Gesundheit? Die Bremer Soziologin und Gesundheitswissenschaftlerin Annelie Keil über die Frage: Was bedeutet Gesundheit?


Was ist Gesundheit? (Foto: shutterstock.com: Anna Omelchenko (Schwangere) | shutterstock.com: dotshock (Opa mit Enkel) | shutterstock.com: Timolina (Lebensmittel))

Was ist Gesundheit? (Foto: shutterstock.com: Anna Omelchenko (Schwangere) | shutterstock.com: dotshock (Opa mit Enkel) | shutterstock.com: Timolina (Lebensmittel))

»Hauptsache gesund« wünschen Menschen rund um die Uhr, übrigens auch denen, deren Gesundheit sichtbar angeschlagen ist und die mit ihren Befunden zu kämpfen haben. Der erkrankte Mensch hat offenbar die Hauptsache seines Lebens verpasst und irgendwie Schuld auf sich geladen. Kein gutes Gefühl, wenn man das ständig zu hören bekommt. Dass Gesundheit sehr viel mit Glück zu tun hat, wie viele wissenschaftliche Studien zeigen, müsste den Konsumrausch Gesundheit eigentlich relativieren. Aber der Glaube an die Machbarkeit von Gesundheit ist stärker.

Dabei ist die Hauptsache das Leben selbst, auch wenn es oft schwierig ist, gesund zu bleiben oder zu werden. Selber merken, wenn man kalte Füße bekommt und die Nase voll hat, wenn einem die Luft ausgeht, der Kragen platzt, nicht nur der Magen sauer wird, die Galle überläuft, die aufrechte Haltung ins Wanken kommt, das Denken aussetzt, die Seele streikt und alles keinen Sinn mehr macht. Gesundheit ist weniger eine Datenbank mit Durchschnittswerten oder eine Siegessäule der Normalität, vielmehr Ausdruck einer Lebensqualität, die jeder Mensch braucht, um sein Leben mit den spezifischen Aufgaben und Anforderungen zu meistern und sich gleichzeitig darüber zu freuen, dass man das Leben auch genießen kann. Schaffenskraft, Leistungs- und Genussfähigkeit, Mitgefühl und Lebensfreude sind aufs engste miteinander verbunden und die Säulen dessen, was man ein relativ »gutes Leben« bei »guter Gesundheit« nennt. Gesundheit ist eine dynamische Lebenskompetenz, eine persönliche Kraft und Fähigkeit, die täglich und lebenslang immer wieder neu erzeugt und entwickelt werden muss. Deshalb steht ein Kind auch vor anderen Gesundheitsfragen als ein alter Mensch und ein chronisch erkrankter Parkinsonpatient vor anderen als eine Alzheimerpatientin. Selbst ein junger, durch einen Sportunfall verletzter Büroangestellter wird ganz anders mit Gesundheitsproblemen umgehen als ein gleichaltriger Leistungssportler, dessen Kniebeschwerden vielleicht das Ende seiner Karriere anzeigen.

Seit Jahrtausenden können wir weder medizinisch, psychologisch, philosophisch, ökonomisch oder sonst wie exakt bestimmen, was für jeden einzelnen Menschen oder ganze Gesellschaften Gesundheit ist. Aber dennoch wissen wir, dass sie Ausdruck einer Lebensqualität ist, die in ständiger Auseinandersetzung mit dem konkreten Leben der Menschen steht und genau dort gefördert oder gefährdet wird. Erich Kästner trifft den berühmten Nagel auf den Kopf: „Wird´s besser? Wird´s schlimmer? fragt man alljährlich. Seien wir ehrlich: Leben ist immer lebensgefährlich!“ Um sich der Unvorhersehbarkeit, Unplanbarkeit und dem Überraschungscharakter des Lebens auszusetzen, muss sich der Mensch mit sich selbst und seiner Umwelt auseinandersetzen, seine Bedürfnisse erkennen, muss akzeptieren, was er nicht ändern kann und vor allem erkennen, was er beeinflussen, verändern, erfinden und entwickeln kann. Wir bekommen nur die Möglichkeit zu leben, aber leben müssen wir selbst und dabei für das Sorge tragen, was lebensnotwendig ist und dem Leben Sinn gibt.

Kein Gesundheitssystem, keine Medizin, keine Pflege, kein Heiler, kein Medikament nehmen uns die Arbeit ab, diese notwendige Lebenskompetenz für den Umgang mit Gesundheit und Krankheit zu entwickeln. Und das ist gut so, wenn wir unser Leben selbstbestimmt leben wollen. Dabei sind medizinische und andere Hilfssysteme ohne Frage notwendig. Ohne sie kämen wir nicht aus. Aber die Liebe zum Leben, die Lust auf ein gutes Leben, das die Gesundheit zu schätzen und die Krankheit an die Hand zu nehmen weiß, braucht auch den Mut, es zu wagen.

Zur Gesundheit gehört neben der körperlichen auch die geistige, seelische und soziale Verfasstheit eines Menschen. Keine Diät, keine Askese, keine Selbstoptimierung, keiner dieser vielen Glaubenssätze zur Gesundheit, die manche Menschen zur Ersatzreligion erheben, garantieren ein glückliches, krisen- und keimfreies langes Leben. Leben ist und bleibt eine komplexe Herausforderung, die mit dem Geschenk der nackten Geburt beginnt und ohne irgendwelche Versprechungen erst mit dem letzten Atemzug endet. Immerhin gibt es das Leben selbst umsonst und zwar zusammen mit einer »Werkstatt«, in und mit der ein Mensch alles entwickeln kann, was er zum Leben braucht und was im Ergebnis zum demografischen Reichtum wird: ein Herz, das schlägt, das Feuer und Flamme für etwas entwickelt, das Mitgefühl zeigen und Kummer ertragen kann; Augen zum Sehen und gesehen werden; Ohren zum Hören und gehört werden; einen Mund, der schmecken, sprechen und widersprechen kann. Tastsinne und Gefühle, die dem Leben Sinnlichkeit und Sinn verleihen. Füße, auf denen man stehen, gehen und weggehen kann. Ein Gehirn, mit dem man denken, nachdenken, mitdenken und ein Bewusstsein davon entwickeln kann, was einem gut tut oder schadet. Gefühle wie Freude, Wut, Angst, Ekel, Liebe und vor allem Neugier, die unserem Leben Stimmung machen.

Unser gesamter Organismus bleibt bis zum Lebensende pausenlos für uns im Einsatz. Unsere Leber hält lange durch, auch wenn wir ihr schaden. Herz, Lunge, Gehirn, Beine, Bauch und Po – keiner geht vorzeitig in Ruhestand. Auch als gebrochenes Herz, geschädigte Lunge, als Hirn mit Gedächtnislücken, lahme Beine und gewichtiger Bauch bleiben sie an Bord, tun ihre Arbeit und hoffen, dass wir uns um sie und um unser Leben kümmern. Immerhin hat jeder lebende Mensch die Geburt geschafft. Und bisher hat es auch noch jeder Mensch irgendwie geschafft, die Welt wieder zu verlassen. Das Ende menschenwürdig zu gestalten, ist dabei ein Teil der sozialen Gesundheit.

In diesem Sinne ist Gesundheit die Liebe zum Leben – weniger ein romantisches Gefühl als eine lebendige Praxis.

 

Leben süß-sauer
Wie gehen junge Menschen mit Gesundheit um? Welche Lebensbereiche zählen sie dazu? In dem AOK-Blog www.leben-suess-sauer.de versuchen Studierende der Bremer Hochschule für Künste eine Antwort zu finden.

Annelie Keil
Die Autorin Annelie Keil (77) hat als uneheliches Kind ihre ersten sechs Lebensjahre in einem Waisenhaus der NSDAP in Polen verbracht. 1945 floh sie mit ihrer Mutter gen Westen, geriet in Gefangenschaft und kam 1947 nach Friedland.

Sie machte trotz ärmlicher Verhältnisse das Abitur und studierte Politikwissenschaften und Soziologie, später Psychologie und Pädagogik. Sie promovierte 1968 und war 1971 an der Gründung der Universität Bremen beteiligt. Bis 2004 arbeitete sie als Professorin für Sozial- und Gesundheitswissenschaften an der Universität in Bremen.

Durch ihr persönliches Erleben (sie erlitt im Alter von 40 Jahren einen Herzinfarkt und erkrankte 50-jährig an Brustkrebs) wurde die Psychosomatik ihr wichtigstes Forschungsgebiet. 2004 bekam sie das Bundesverdienstkreuz am Bande für ihre ehrenamtliche Arbeit für Bürgerengagement, Jugendbildung und gesundheitlicher Beratung und Selbsthilfe. Viele Jahre arbeitete sie mit dem Bremer Fernsehjournalisten Klaus Haak zusammen, unter anderem beim »AOK-Gesundheitstalk im Universum«.

Mehr über Annelie Keil: www.anneliekeil.de 


Diskutieren Sie über den Artikel und teilen uns Ihren Kommentar mit. Gerne können Sie uns auch eine E-Mail mit Ihrer Meinung zu diesem Artikel schicken.

Bislang sind noch keine Kommentare vorhanden.
Ihr Kommentar zum Thema
Die mit * markierten Felder sind Pflichtfelder.
Ihre eingetragene E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.
*

*
Netiquette | AGB

Veranstaltungskalender

28.08.2016 - 29.01.2017, ganztägig
13.10.2016 - 30.04.2017, ganztägig
13.10.2016 - 30.04.2017, ganztägig
08.12.2016, 09:00 Uhr
08.12.2016, 11:00 Uhr
Anzeige
Anzeige

basta! Newsletter abonnieren

Sie möchten den basta! Newsletter abbestellen?
Dann klicken Sie bitte hier.