Aus Blessuren lernen

Kinder testen beim Spielen gerne ihre Grenzen aus, ganz ohne Rücksicht auf die unmittelbaren Konsequenzen. Ein blauer Fleck am Knie, ein Kratzer am Ellenbogen, eine Beule am Kopf – all das gehört zum kindlichen Alltag dazu und ist eine wertvolle Erfahrung, wenn es darum geht, Gefahren richtig einschätzen zu können. In vielen Fällen bleibt es aber nicht nur bei einer kleinen Schramme: Nach Schätzungen des Bundesgesundheitsministeriums müssen jährlich etwa 1,7 Millionen Kinder nach einer Unfallverletzung ärztlich versorgt werden. Ein Grund dafür ist, dass Kinder die Gefahren noch nicht richtig einschätzen können.

Aus Blessuren lernen

Aus Blessuren lernen (Foto: Ermolaev Alexander shutterstock.com)

Wenn es um den Schutz vor Gefahren des Kindes geht, gibt es in der Erziehung zwei Extreme. Auf der einen Seite die übervorsorglichen Helikopter-Eltern, die ihr Kind permanent überwachen. Sie lassen es nicht alleine spielen, sondern befinden sich immer in unmittelbarer Nähe. Das Kind kommt gar nicht erst dazu, seine Grenzen auszutesten, wird beispielsweise davon abgehalten, einen Baum hochzuklettern, schnell zu rennen oder Fußball zu spielen. Sie erziehen ihr Kind damit zur Ängstlichkeit und zu übertriebener Sensibilität. Dadurch mangelt es ihm an Erfahrung und Eigenverantwortung. Letztere gilt es zu fördern, um die Unfallprävention im Haushalt und im Straßenverkehr zu unterstützen.

Auf der anderen Seite existiert ein völlig anderes Extrem: Die Eltern, die ihrem Kind zu viel Freiraum lassen, überhaupt nicht auf die möglichen Konsequenzen Acht geben und ihm keine Grenzen aufzeigen. Sie lassen ihr Kleinkind beispielsweise unbeaufsichtigt auf der Straße spielen, ohne Helm und Schutzausrüstung skaten oder es unverhältnismäßig früh alleine mit Feuer experimentieren. Diese Eltern nehmen eine Körperverletzung ihres Kindes fahrlässig in Kauf. Beide Extreme vernachlässigen die Bedürfnisse und Möglichkeiten des Kindes. Die schwierige Aufgabe für Eltern ist es, einen Mittelweg zu finden – und der lässt sich nur finden, wenn man über die Entwicklung des Gefahrenbewusstseins von Kindern Bescheid weiß.

Ab einem Alter von 5 bis 6 Jahren entwickelt sich das Gefahrenbewusstsein

Babys und Kleinkinder im Alter von 0 bis 4 Jahren verfügen in der Regel noch nicht über ein Gefahrenbewusstsein. Hier gilt es für die Eltern also, Vorsicht walten zu lassen und das Kind vor Gefahrenherden zu schützen. Die kindliche Entwicklung desGefahrenbewusstseins beginnt ab dem 5. beziehungsweise 6. Lebensjahr. Sie wird nach dem Modell von Prof. Dr. Maria Limbourg von der Universität Essen in drei Stufen gegliedert. Zunächst lernen wir, gefährliche Situationen als solche wahrzunehmen. Wir erkennen, ob wir uns gegenwärtig in Gefahr oder in Sicherheit befinden. Man spricht vom akuten Gefahrenbewusstsein. Beispiel: Ein Kind klettert auf einen Baum und merkt oben, dass es herunterfallen könnte, sich also aktuell in Gefahr befindet.

Die nächste Stufe, das antizipierende (vorwegnehmende, vorausahnende) Gefahrenbewusstsein, setzt ungefähr ab dem 8. Lebensjahr ein. Von da an ind wir bereits dazu in der Lage, Gefahren vorauszusehen. Somit wissen wir einzuschätzen, mit welchen Verhaltensweisen man sich in Gefahr bringen könnte. Wenn das Kind also auf einen Baum klettern will, weiß es schon vorher, dass es oben gefährlich sein kann und wird beim Klettern womöglich schon vorsichtiger agieren.

Die dritte Stufe fällt unter den Begriff Präventionsbewusstsein. Man ist in der Lage, gefahrenvorbeugende Maßnahmen zu treffen, um Sicherheit zu gewährleisten. Dieses Entwicklungsstadium tritt in der Regel im Alter zwischen 9 und 10 Jahren ein, kann jedoch auch später erfolgen. Am Beispiel des Kindes, das auf einen Baum klettern will, wäre eine Präventionsmaßnahme, den Boden vorher mit Matten auszulegen, um die Verletzungsrisiken bei einem möglichen Sturz zu vermindern.

Eines gilt es jedoch zu beachten: Gerade Kinder können Gefahren nur dann als solche wahrnehmen, wenn sie sich auf die Situation konzentrieren. Sind sie stattdessen abgelenkt und unaufmerksam, wird eine realistische Gefahreneinschätzung unwahrscheinlicher – das ist eine der häufigsten Ursachen für Unfälle im Kindesalter. Voll ausgebildet ist die Fähigkeit der vollständigen Gefahreneinschätzung grundsätzlich erst mit 13 bis 15 Jahren.

Wie lässt sich die Gefahreneinschätzung fördern?

In erster Linie hilft es, wenn die Eltern ihrem Kind im Alltag feste Strukturen und Regeln aufzeigen, anhand derer sie sich orientieren können. Insbesondere Kleinkinder profitieren von nachvollziehbaren Grenzen und Verboten. Nachvollziehbar bedeutet, dass man altersgemäß auf gefährliche Gegenstände oder Umstände hinweist. Diesen Vorgang muss man meistens einige Male wiederholen, bis das Kind die Gefahrenhinweise aufnimmt. So bekommt es ein erstes Gespür dafür, welche Bereiche es im Haushalt zu meiden gilt.

Dabei ist es allerdings nicht sonderlich hilfreich, sein Kind im Stile der Helikopter-Eltern vollständig von sämtlichen Gefahren fernzuhalten. Für die Entwicklung des Gefahrenbewusstseins ist es unabdingbar, dass das Kind mitunter schmerzhafte Erfahrungen macht – das Risiko sollte aber immer begrenzt und vor allem dem Alter angemessen sein. Ein kleiner Kratzer oder ein blauer Fleck als Folge des schnellen Rennens oder Umhertobens bleiben normalerweise ohne gesundheitliche Konsequenzen, prägen sich aber dennoch im Gedächtnis ein und führen dazu, dass das Kind beim nächsten oder übernächsten Mal mehr Vorsicht walten lässt. Wenn das Kind allerdings Trost und Hilfe benötigt, sollte man es nicht zurückweisen nach dem Motto „Ich habe dich doch gewarnt!“ abweisen. Das schüchtert nur ein und raubt die Motivation, in Zukunft erneut die Grenzen auszutesten.

Eltern müssen in einigen Situationen eine passive Rolle einnehmen, dem Kind Raum für eigene Erfahrungen lassen. Dennoch sollten sie sich stets ihrer Vorbildfunktion bewusst sein und ihren Nachwuchs in bestimmten Situationen verschärft darauf hinweisen, wie Gefahren vermieden werden können. Obwohl es vielen Eltern anders vorkommen mag: Eine amerikanische Studie der New University of Iowa kam zu dem Ergebnis, dass mahnende Worte gegenüber Kindern nach gefährlichen Situationen dabei helfen, zukünftig ähnlichen Gefahren aus dem Weg zu gehen. Die Entwicklung des Gefahrenbewusstseins bleibt aber ein eigenständiger Prozess des Kindes, bei dem Eltern nur unterstützend eingreifen können.


Weitere Informationen
www.kindergesundheit-info.de
www.verkehrs-erziehung.de

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