Bei Mama und bei Papa leben

Wenn Beziehungen zu Ende gehen, ist das in der Regel schmerzhaft. Für den Mann, für die Frau – aber auch für die Kinder. Denn für sie heißt es zumeist, dass sie ein Elternteil nicht mehr so häufig sehen können. Die Frage „Zu Mama oder zu Papa?“ stellt sich dabei oft gar nicht. Nach Angaben des Bundesministeriums für Bildung und Forschung wachsen 90 Prozent der Scheidungskinder bei ihrer Mutter auf. Dieses Ungleichgewicht hängt auch mit der gesetzlichen Lage zusammen. Doch die Väterlobby strebt nach Änderung und fordert das Wechselmodell als Standard, bei dem die Kinder im Wechsel bei beiden Elternteilen leben. Davon würden beide Parteien profitieren, denn Alleinerziehende sind stark von Armut bedroht.

Bei Mama und bei Papa leben

Bei Mama und bei Papa leben (Foto:itakdalee shutterstock.com)

Im Jahr 2016 wurden in Deutschland 81.936 Ehen mit minderjährigen Kindern geschieden, 131.955 Scheidungskinder gab es in diesem Zeitraum. Insgesamt leben laut dem Statistischen Bundesamt 2,3 Millionen Scheidungskinder in Deutschland. Bei den meisten von ihnen verlief die Entwicklung nach der Trennung nach demselben Muster: das Kind wohnt seitdem bei der Mutter, während der Vater den Unterhalt bezahlt. Die Mutter lebt im Alltag mit dem Kind, erzieht es, versorgt es und der Vater leistet finanzielle Unterstützung, bekommt das Kind dagegen seltener zu Gesicht. Fu?r dieses Modell können sich beide Elternteile im Einvernehmen entschieden haben, es kann allerdings auch ein Konflikt vorausgegangen sein, der in Gerichtsverhandlungen ausgetragen wurde und zu dieser Lösung führte. In diesen Streitigkeiten ist ein Elternteil der Leidtragende, zumeist der Vater. „Die Gesellschaft ist eigentlich schon viel weiter. Aber Deutschland ist in Sachen gleichberechtigte Elternschaft Schlusslicht“, kritisiert der betroffene Vater Adrian Hoffmann.

Dass 90 Prozent der Scheidungskinder bei ihrer Mutter aufwachsen, demonstriert eindrucksvoll, wie stark Deutschland an den Rollenbildern der »erziehenden Mutter« und des »ernährenden Vaters« hängt. Dies führt nicht nur dazu, dass sich ein Elternteil häufig vom eigenen Kind entfremdet, sondern auch dazu, dass der alleinerziehende Elternteil mit hoher Wahrscheinlichkeit von Altersarmut betroffen sein wird und Transferleistungen vom Staat in Anspruch nehmen muss. Laut dem Statistischen Bundesamt war 2016 ein Drittel aller Alleinerziehenden hierzulande von Armut bedroht. Die Statistik wird durch eine Studie der Bertelsmann-Stiftung bestätigt, wonach 37,6 Prozent aller Alleinerziehenden zur Versorgung ihrer Familie auf Hartz-IV-Leistungen angewiesen sind.

ARMUTSGEFÄHRDUNG
Nach der EU-Definition für EU-SILC (European Union Statistics on Income and Living Conditions) gilt eine Person dann als armutsgefährdet, wenn sie über weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens der Gesamtbevölkerung verfügt. Entscheidend ist dabei nicht der Durchschnittswert, sondern der Median – also der Mittelwert einer Zahlenreihe. 2016 lag dieser Schwellenwert für eine alleinlebende Person in Deutschland bei 1.064 Euro im Monat, für zwei Erwachsene mit zwei Kindern unter 14 Jahren bei 2.234 Euro im Monat. (Quelle: Statistisches Bundesamt)

Was sagt das Gesetz?
Im Grundgesetz wird beiden Elternteilen nach Art. 6 Abs. 2 das Grundrecht auf Erziehung und Pflege der Kinder zugesichert. Kinder dürfen nur aufgrund eines Gesetzes gegen den Willen der Erziehungsberechtigten von der Familie getrennt werden, wenn die Erziehungsberechtigten versagen oder aus anderen Gründen die Verwahrlosung der Kinder droht (Art. 6 Abs. 3). Dennoch orientiert sich das deutsche Gesetz stark am Residenzmodell. Dies liegt an § 1687 des Bürgerlichen Gesetzbuchs (BGB), in dem es im Wortlaut heißt: „Leben Eltern, denen die elterliche Sorge gemeinsam zusteht, nicht nur vorübergehend getrennt, so ist bei Entscheidungen in Angelegenheiten, deren Regelung für das Kind von erheblicher Bedeutung ist, ihr gegenseitiges Einvernehmen erforderlich. Der Elternteil, bei dem sich das Kind mit Einwilligung des anderen Elternteils oder auf Grund einer gerichtlichen Entscheidung gewöhnlich aufhält, hat die Befugnis zur alleinigen Entscheidung in Angelegenheiten des täglichen Lebens.“ Es wird damit qua Gesetz von einer ungleichmäßigen Betreuungszeit ausgegangen.

Diese starke Orientierung am Residenzmodell stößt vielen Vätern bitter auf. Einige von ihnen haben sich vor rund einem Jahr zur Initiative »Papa auch« zusammengeschlossen. Gegründet wurde »Papa auch« von Adrian Hoffmann und Reinhard Rode aus Heilbronn. Bei beiden war es das eigene Schicksal, die eigene Trennung, die sie dazu bewegte, die Initiative zu ergreifen. „Das gemeinsame Sorgerecht ist nur ein Stück Papier. Echte Gleichberechtigung sieht anders aus, als sein Kind nur jedes zweite Wochenende zu sehen. Das ist ein systembedingtes Problem“, betont Hoffmann. Mittlerweile wurde aus der Initiative der Verein »Papa Mama Auch e.V.« geboren. Zu den Unterstützern zählen auch Mütter, Psychologen, Familienrechtsanwälte und ehemalige Trennungskinder. Sie alle setzen sich für das Wechselmodell ein. „Damit meinen wir nicht, dass Kinder zu exakt je 50 Prozent bei beiden Elternteilen sein müssen. Eine Betreuungszeit von minimal 30 Prozent reicht aus, damit es nicht zur Entfremdung vom Kind kommt“, bezieht sich Adrian Hoffmann auf die »KiMiss«-Studie der Universität Tübingen.

Neben der Präsenz in den sozialen Netzwerken ist der Verein gegenwärtig in ganz Deutschland unterwegs und wirbt für seine Ziele. Unter www.doppelresidenz.org gibt es außerdem eine Petition für ein zeitgemäßes Familienrecht, in dem das Wechselmodell von der Ausnahme zur Regel wird. Die Petition hat gegenwärtig 4.000 Unterzeichner. Doch Betroffene gibt es weitaus mehr. „Jährlich werden über 100.000 Ehen geschieden. Jahrelange Streitigkeiten vor Gericht sind schlecht für alle, vor allem fürs Kind. Die gleichberechtigte Elternschaft sorgt für deutliche Entspannung“, bemerkt Hoffmann.

Auch die Wissenschaft sieht positive Effekte durch das Wechselmodell. In diesem Jahr haben schwedische Forscher bei der Untersuchung von 3.600 Drei bis Fünfjährigen herausgefunden, dass Trennungskinder, die zu gleichen Teilen bei beiden Elternteilen leben, keine größeren Probleme haben als ihre Altersgenossen in intakten Familien. In Schweden sowie in Belgien ist das Wechselmodell bereits seit 2006 ein gesetzlicher Regelfall. Und auch in Deutschland gibt es Hoffnung: aus einem Urteil des Bundesgerichtshofs vom 1. Februar 2017 ging erstmalig hervor, dass Familiengerichte unter Umständen auch gegen den Willen des Ex-Partners das Wechselmodell anordnen können. Wie bei sämtlichen Sorgerechtsentscheidungen steht auch hier über allem, dass die Betreuung dem Kindeswohl dient.

MODELLE DES UMGANGS

Residenzmodell: Die Kinder haben nach der Trennung der Eltern weiterhin einen alleinigen Wohnort und Lebensmittelpunkt. Sie leben fest bei einem Elternteil, der andere Elternteil hat das Recht, sie an bestimmten Tagen (z.B. am Wochenende und in den Ferien) zu sehen.

Wechselmodell: Die Eltern teilen sich auch nach der Trennung zeitlich gleichberechtigt die alltägliche Erziehung des Kindes. Die Kinder haben in beiden Haushalten ihrer Erziehungsberechtigten ein Zuhause, leben z.B. eine Woche bei der Mutter und eine Woche beim Vater.

Nestmodell: Bei diesem Modell haben die Kinder einen festen Wohnort, die Eltern hingegen nicht. Die Elternteile besitzen einen zweiten Wohnsitz und leben zu gleichen Teilen abwechselnd am Wohnort ihrer Kinder.

Informationen:
www.daddy-too.com
www.doppelresidenz.org

Veranstaltungskalender

31.12.2017 - 31.10.2018, ganztägig
24.03.2018 - 19.01.2038, ganztägig
04.08.2018 - 04.06.2019, ganztägig
20.08.2018, 13:15 Uhr
21.08.2018, ganztägig
21.08.2018, 10:30 Uhr
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