Das etwas andere Karaokesingen

Es ist wie geselliges Lagerfeuersingen, nur ohne Qualm und Feuerschein. Oder wie Karaoke, nur ohne Bühne und Lampenfieber. Das gemeinsame öffentliche Singen ist längst wieder hoffähig geworden. Kultig gar. Rudelsingen im TiF in Bremerhaven und im Modernes in Bremen, Schmetterabende in Achim. Wo immer die Möglichkeit geboten wird, kommen Hunderte, um Hits aus alter und neuer Zeit zu schmettern.

Das etwas andere Karaokesingen

Das etwas andere Karaokesingen (Foto: PR Archiv AOK Bremen/Bremerhaven)

„Titel von Abba gehen immer“, sagt Chef-Rudelsänger David Rauterberg. Und müssten auch sein. „Über den Wolken“ von Reinhard Mey, „Chöre“ von Mark Forster oder „Ich liebe das Leben“ von Vicky Leandros: Das sind die Lieder, deren Texte er bei den öffentlichen Gesangsabenden an die Wand werfen lässt und die ihm dann aus hunderten Kehlen entgegenschallen.

Der studierte Sänger und Musiker hat mit dem Rudelsingen ein Konzept entwickelt, das deutschlandweit zieht. Dreimal acht Lieder, zwei Pausen, eine Zugabe – so hat er es vor sechs Jahren in Münster kreiert. Inzwischen hat die Unistadt Münster das 1000. Mitsingkonzert gefeiert. Rauterberg bucht längst große Hallen. Denn Frauen und Männer reißen sich um Eintrittskarten. „Es gibt eben ein besonderes Gefühl“, schwärmt Rauterberg. „Gemeinsames Singen ist das, was die Menschen inspiriert und auch das, was den Menschen fehlt.“

Warum Chöre über Nachwuchssorgen klagen und sich Mitsänger beim Rudelsingen mancherorts in Wartelisten eintragen müssen, mag manchem ein Rätsel sein. David Rauterberg nicht: „Ich glaube, dass Chöre oftmals nicht mehr in die heutige Alltagsplanung passen. Man kann sich nicht mehr langfristig auf einen festen Tag in der Woche festlegen.“ Rudelsingen und Schmetterabende bestechen durch ihre Unverbindlichkeit. Die Teilnehmer zahlen Eintritt, singen und gehen dann wieder. „Nach so einem Abend fühlen sich alle gut. Sie wissen gar nicht, was passiert ist, aber sie gehen alle mit einem Lachen nach Hause“, hat der kürzlich verstorbene Kurt Bröker, der den Trend Rudelsingen in die Hansestadt geholt hatte, einmal gesagt.

Was mit ihnen passiert, ist wissenschaftlich belegt. Sie sind glücklicher als zuvor. Der Musikwissenschaftler Gunter Kreutz hat es für eine WDR-Dokumentation mit Anke Engelke nachgewiesen. Die Comedian hatte sich darin auf die Suche nach dem Glück gemacht, und einen Baustein dafür im Gesang vermutet – weil Singen sie selbst so fröhlich macht. Sie gründete in Köln den Chor der Muffeligen und nahm Menschen auf, die unzufrieden mit dem Leben waren und nicht regelmäßig sangen.

Drei Monate probten 36 Frauen und Männer für einen Auftritt in der Kölner Philharmonie. Vorher und nachher mussten sie anhand von Fragebögen ihre Gefühlslage benennen und Speichelproben abgeben. Der Musikwissenschaftler wies nach, dass sich der Gehalt des Bindungshormones Oxytocin in den Speichelproben mit jeder Gesangseinheit jeweils deutlich erhöhte, stärker auch als durch 30-minütigen Plausch in der Chorgemeinschaft. Die Sänger fühlten sich durch den Gesang in der Gemeinschaft deutlich wohler.

Die Erkenntnisse des Musikwissenschaftlers bestätigen, was Sängerinnen wie Susanne Groll aus Bremen immer wieder erfahren. Wenn in der Probe aus einzelnen Tönen ein Akkord wird, eine Harmonie – und erst recht im Konzert, wenn Musik daraus wird. „Dann habe ich Gänsehaut. Ich bin immer wieder begeistert, welche Glücksgefühle das bewirkt, Teil des Ganzen zu sein“, sagt Susanne Groll.

Die Bremerin singt seit Blockflötenzeiten, erst im Musikschulchor, dann im Schulchor, heute in der Bremer Kantorei St. Ansgarii. Sie hat Jazz ausprobiert und Klassik, weltliche Literatur und geistliche. „Singen geht in den ganzen Körper“, berichtet sie. Bei den Aufwärmübungen würden etwa Hals und Nacken gelockert, der Körper sei angeregt und mit Sauerstoff gefüllt, das Blut zirkuliere, Adrenalin wirke. „Ich komme immer fidel nach Hause.“

Musik, das gilt als sicher, wirkt sich positiv auf Körper, Geist und Seele aus. Mittels Speichelprobenanalysen wies Musikwissenschaftler Kreutz etwa schon früher nach, dass bereits 30 Minuten Gesang in der Gemeinschaft die Konzentration des Stresshormons Cortisol senkt und der Anteil des Antikörpers Immuglobin A steigt, das die Abwehrkräfte auf Vordermann bringt. Glückshormone strömen, die Organe sind gut mit Sauerstoff versorgt, das Gehirn schickt vermehrt die Botenstoffe Dopamin und Serotonin aus, was das Wohlbefinden fördert. Bei richtiger Zwerchfellatmung profitieren auch Rückenmuskulatur und Herz-Kreislauf-System.

Vor Notfallmedizinern hat Micha Keding, Berufsmusiker und Dozent an der Hochschule für Künste in Bremen, darüber referiert, warum Singen in Sachen Gesundheit förderlich ist. „Singen steigert die eigene Widerstandsfähigkeit, um das Leben zu meistern – physisch und psychisch.“ Längst werden Musik und Gesang darum auch in der Medizin und Therapien eingesetzt. Keding berichtet von Erkenntnissen, dass Singen die Toleranz etwa gegenüber der Krebstherapie steigere. Oder dass das persönliche Schmerzempfinden abnehme. „Außerdem haben schwedische Forscher bei der Untersuchung von 12.000 Menschen herausgefunden, dass Mitglieder von Chören und Gesangsgruppen eine signifikant höhere Lebenserwartung haben als nicht singende Menschen“, berichtet Micha Keding. Für ihn selbst ist Singen ein Ventil, aus dem man Dampf ablassen kann. „Es hat etwas Meditatives, sich dem Klang hinzugeben.“

Viele Menschen aber trauen sich gar nicht erst zu singen, sagt Profisänger Markus Sobota. Seine Erfahrung als Gesangslehrer und Leiter der Stage Akademie in Oldenburg ist, dass sie Angst vor falschen Tönen hätten oder davor, dass ihre Stimme zu piepsig daherkommt. Das erlebt er auch bei seinem Gesangsunterricht, unter anderem für die Kreismusikschule Diepholz in Syke. Groß sei die Überraschung dann, wenn dank der richtigen Technik plötzlich große, satte Töne den Raum füllen. Singen sei ein Ausdruck des Inneren, ist er überzeugt, und vermittle ein gutes Körpergefühl. „Wenn Singen gut funktioniert, stellt das hörbar einen guten Kontakt zum Körper her“, sagt er.

Für den Bariton, der auf der Musicalbühne zu Hause ist und dort am liebsten den Vampir gibt, befriedigt Gesang das menschliche Harmoniebedürfnis. Beim gemeinsamen Singen würden Kinder, Frauen und Männer mitgetragen, sie erlebten den Zauber des Singens – ob im Chor oder im Stadion. „Etwas ist plötzlich stimmig, und das merkt man.“ Und auch beim besagten »Rudelsingen« lassen sich die Menschen »mittragen«. Der Beamer dient als Spickzettel, falls dann doch einmal eine Zeile von „Dancing Queen“ nicht sitzt. Von der Melodie, so ist David Rauterberg überzeugt, seien alle Lieder bekannt. „B-Seiten werden bei uns nicht gespielt.“

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