Das Zusammenspiel der Sinne – Sensorische Integrationsstörungen rechtzeitig erkennen

Die Wahrnehmung der Welt und die Orientierung in ihr funktionieren nur dank des Zusammenspiels der einzelnen Sinne. Bei einer sensorischen Integrationsstörung funktioniert die Verarbeitung der Sinneseindrücke im Gehirn nicht richtig. Dies kann zu erheblichen Beeinträchtigungen führen und auch ein Grund für Verhaltensau älligkeiten bei Kindern sein.

Zusammenspiel der Sinne (Sapunkele shutterstock.com (Grafik))

Zusammenspiel der Sinne (Sapunkele shutterstock.com (Grafik))

Sensorische Integration ist das Zusammenfügen aller Informationen der Sinnesorgane, die »zentrale Verarbeitung« sozusagen als Grundlage jeglicher Wahrnehmungs- und damit auch Lernprozesse. Sie umfasst alles, was über die Sinnesorgane bewusst und unbewusst aufgenommen, verarbeitet und genutzt werden kann. Diese Informationen und ihre Verarbeitung im Gehirn haben Auswirkungen auf Motorik, Wahrnehmung und Verhalten. Ein Modell, das diese Interaktion beschreibt, ist die »Sensorische Integrationstheorie «, eine Theorie des Lernens, die im Wesentlichen auf klinischen Beobachtungen fußt und theoretisch präzisiert worden ist. „Zugleich berücksichtigt sie auch die Kenntnisse über die zellulären und synaptischen Lernvorgänge“, erklärt Eckhard Ziegler-Kirbach, Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin und Psychotherapeut aus Bremerhaven. Die Sensorische Integration ermöglicht es, den Körper e ektiv in der Umwelt einzusetzen, Reize zu verarbeiten und entsprechend auf diese zu reagieren. Bei Störungen ist dies weniger gut möglich. Man spricht hier von einer sensorischen Integrationsstörung.

„Der Begriff »Sensorische Defizite« wird gelegentlich für leichte Schwierigkeiten der sensorischen Integration verwendet. Dabei handelt es sich um Abweichungen von der sensorischen Normalität“, sagt Ziegler-Kirbach und fügt hinzu: „Was aber normal ist und was das für den Betro enen bedeutet, ist von Fall zu Fall verschieden. Während die meisten Sinnesinformationen automatisch und unbewusst verarbeitet werden, müssen Kinder mit solchen Störungen, die passende Verarbeitung und Reaktion auf die Sinneseindrücke noch besser lernen. Bei einer Integrationsstörung reagieren Kinder entweder zu sensibel (hyper), nur schlecht (hypo) oder anders (dys) auf die verschiedenen Reize. Hierbei kann es sich um visuelle (Sehen), auditive (Hören), taktile (Fühlen) und auch propriozeptive Reize handeln. Letzteres meint die Eigenwahrnehmung, wie zum Beispiel die Stellung der eigenen Gliedmaßen und die Position des Körpers im Raum, maßgeblich gesteuert durch den Gleichgewichtssinn. Teilweise zeigen betro ene Kinder Symptome aus mehreren Wahrnehmungsbereichen.

Wahrnehmungsstörungen können laut Ziegler- Kirbach in Zusammenhang mit Entwicklungsproblemen, motorischen, kognitiven oder sozialen Lernschwierigkeiten und weiteren Auffälligkeiten stehen. Sie äußern sich in verschiedenen Symptomen wie zum Beispiel Ungeschicklichkeit, schlechter Handschrift, unsicherem Umgang mit Besteck, Problemen beim Schleifebinden, schlechter Koordination beim Ballspiel, Schwimmen, Fahrradfahren, Hüpfen oder Seilspringen. Hierbei handelt es sich um Bewegungsabfolgen, die von betro enen Kindern nur schwer nachvollzogen und nachgemacht werden können, erklärt er. Neben den bereits genannten Symptomen, können Kinder bei einer Integrationsstörung auch unter Ruhelosigkeit, ängstlichem Verhalten, häu gem Stolpern oder einer Abwehrhaltung gegenüber Berührungen leiden.

Die Ursachen für solche Störungen sind vielfältig. Genetische Veranlagungen für abweichende Reaktivität, also eine zu geringe oder zu hohe Sensibilität für Reize, schädliche Ein üsse in der Schwangerschaft und um die Geburt herum oder neurologische Schädigungen durch Unfälle, Infektionen und andere Krankheiten können ausschlaggebend sein. „Allerdings ist es schwierig, richtig zu differenzieren“, sagt Ziegler- Kirbach, „ob es sich um eine deutlich gestörte Aufnahme- und Verarbeitungsmöglichkeit, also eine sensorische Integrationsstörung handelt oder ein akuter Mangel an Erfahrung und Übungsmöglichkeit vorliegt.“ Mangelnde Erfahrungsmöglichkeiten, Reizarmut oder Deprivation können Ursache und Symptom einer sensorischen Integrationsstörung zugleich sein. Daraus entwickelt sich eine Art Teufelskreis, sodass die Kinder aus Ängstlichkeit, Sorge vor Misserfolgen oder anderen Hemmungen keine neuen Erfahrungen machen. „Wenn nicht genügend alltägliche sensomotorische Erfahrungen gemacht werden, gibt es zu wenig Erfolgserlebnisse und weitere Aktivitäten werden eher vermieden. Immer weniger positive Erfahrungen werden zu mehr Unsicherheit führen und das Verhalten negativ beein ussen“, sagt Ziegler-Kirbach.

„Umgekehrt können Erfolge motivieren und zu weiterem Tun mit weiteren neuen Erfahrungen anregen“, sagt der Kinderarzt und emp ehlt, den normalen Bewegungs- und Aktivitätsdrang der Kinder möglichst wenig einzuschränken. Eltern sollten den Kindern viele eigene Erfahrungen ermöglichen, besonders in dem Bereich der Bewegung, da hier viele Sinne mit einbezogen und miteinander verbunden werden, wie zum Beispiel Sport aller Art, Tanzen, Ballett oder Trampolinspringen. Um die visuelle und auditive Sinneswahrnehmung zu schulen, sind besonders Musik, Theater und Kunst geeignet und auch der Umgang mit Tieren ist förderlich.

Diagnostiziert werden die Integrationsstörungen meist durch Kinder- und Jugendärzte, speziell durch Neuropädiater und oft durch Ergotherapeuten, die mithilfe sensorischer Integrations- und Praxietests die Sinnesverarbeitung der Kinder überprüfen und verbessern. Die Tests umfassen z.B. spezielle Wahrnehmungsaufgaben, welche einzelne Sinne der Kinder stimulieren. Möglichst genaue Beobachtungen der Eltern aus dem Alltag sind sehr hilfreich. Die Diagnostik der auditiven Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstörungen (AVWS) erfolgt durch spezialisierte HNO-Ärzte.

Viele Fördermöglichkeiten bieten sich in Alltagssituationen an, wie zum Beispiel dem Schleifebinden, Brotschmieren oder dem Spiel mit Bauklötzen oder Legos, welche die Augen-Hand- Koordination, das räumliche Denken und die feinmotorische Geschicklichkeit fördern. Die auditive Wahrnehmung wird besonders gut durch gemeinsames Singen (z.B. in einem Chor) und beim Spielen eines Musikinstrumentes geschult. Kinder haben viel Freude beim Kneten von Kuchen- oder Brotteig. Sie fühlen, wie die Konsistenz sich beim Vermischen der Zutaten verändert und wieviel Kraft gerade gebraucht wird. Das übt die haptische Wahrnehmung. Noch intensiver ist das Fühlen und Gefühl bei Körperkontakt, beim Streicheln, Bürsten und Massieren. Jede Aktivität im Alltag, Sport und Bewegungsspiele fördern ein gutes und sicheres Gefühl für den eigenen Körper (Eigenwahrnehmung). Die feinmotorische Genauigkeit kann durch Schreiben, Malen oder Zeichnen verbessert werden.

Viele solcher Ansätze  nden auch in der sensorischen Integrationstherapie, entwickelt von der amerikanischen Entwicklungspsychologin Anna Jean Ayres, Anwendung – und das mit Erfolg. So zeigen mehrere Studien, welche die österreichische Ergotherapeutin Elisabeth Söchting in Kooperation mit dem SpielStudio Kindertherapie in Wien untersuchte, dass die sensorische Integrationstherapie einen positiven E ekt auf die Betroffenen hat. In 13 Studien wurden insgesamt 337 Kindern zwischen drei und zwölf Jahren mit sensorischen Verarbeitungsstörungen mit und ohne Autismus untersucht. In 85 Prozent der Studien wurden positive E ekte, teilweise mit großen Effektstärken in Bezug auf individualisierte Alltagsziele, die Motorik, das Ausführen gezielter Bewegungen und die Aktivitäten des alltäglichen Lebens sowie das sozio-emotionale Verhalten und die Minderung von Verhaltensau  älligkeiten festgestellt.

Studie Evidenz sensorische Integration
https://www.sensorische-integration.org/app/download/13365192827/2014+soechting+review+si.pdf

Veranstaltungskalender

24.03.2018 - 19.01.2038, ganztägig
19.04.2019 - 11.06.2026, ganztägig
29.03.2020 - 29.06.2022, ganztägig
05.08.2020 - 04.10.2020, ganztägig
06.08.2020 - 05.10.2020, ganztägig
07.08.2020 - 06.10.2020, ganztägig
08.08.2020 - 07.10.2020, ganztägig
09.08.2020 - 08.10.2020, ganztägig
10.08.2020 - 09.10.2020, ganztägig
Anzeige
Anzeige