Erzähl doch mal! Sprachentwicklung von Kindern fördern

Stottern, Stammeln, Lispeln. Sprachliche Defizite sind bei Kindern in den ersten Lebensjahren weit verbreitet. Bei Sprachstörungen handelt es sich aber nicht nur um Probleme mit der Aussprache, denn manche Kinder sprechen kaum oder gar nicht. Hier kann es sein, dass die Verarbeitung von sprachlichen Impulsen nicht richtig funktioniert und das Kind einfach nicht versteht, was ihm gesagt wird oder nicht weiß, wie es sich ausdrücken kann. Die Gründe dafür sind so vielfältig wie die Symptome, denen aber nicht immer eine Krankheit zugrunde liegen muss. Vielen Kindern fehlt nur jemand, mit dem sie sich unterhalten können, denn das Sprechen kann nur erlernt werden, wenn auch mit einem gesprochen wird.

Erzähl doch mal! (lunamarina shutterstock.com)

Erzähl doch mal! (lunamarina shutterstock.com)

Laut dem Heilmittelbericht 2018 des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO) ist die Zahl der diagnostizierten Entwicklungsstörungen bei Kindern zwischen fünf und sieben Jahren in den letzten zehn Jahren um 26,5 Prozent angestiegen. Dies betri t vor allem die Sprech- und Sprachentwicklung, die den Löwenanteil von 82 Prozent der festgestellten Entwicklungsstörungen ausmachen. Jungs sind mit 41,3 Prozent deutlich häu ger von Sprachentwicklungsstörungen betro en als Mädchen mit 27,9 Prozent.

Sprachentwicklungsstörungen

Sprachentwicklungsstörungen unterteilen sich in vier Kategorien. Die Artikulationsstörung, die expressive Sprachstörung, die rezeptive Sprachstörung und der Dysgrammatismus. Bei einer Artikulationsstörung, der sogenannten Dyslalie, werden Laute falsch ausgesprochen oder falsch verbunden. So haben Kinder beispielsweise Probleme mit Zischlauten und man kann sie nur sehr schlecht verstehen. Eine expressive Sprachstörung liegt vor, wenn das Kind über einen sehr geringen Wortschatz verfügt und sich nicht präzise ausdrücken kann. Bei einer rezeptiven Störung hat das Kind Probleme Worte akustisch richtig wahrzunehmen und ihre Bedeutungen zu erfassen. Zuletzt gibt es noch den Dysgrammatismus, bei dem es betro enen Kindern schwerfällt, Sätze syntaktisch korrekt zu bilden oder Verben richtig zu konjugieren.

Der englische Begri »Late Talker« beschreibt Kinder, die erst spät mit dem Sprechen beginnen. In der Regel überschreitet der Wortschatz von Kindern im Alter von zwei Jahren die 50-Wort- Grenze. Zusätzlich können sie schon Zweiwortsätze bilden, wie zum Beispiel „Mama Arm“, wenn das Kind gern auf den Arm genommen werden möchte. »Late Talker« hingegen besitzen diese Fähigkeiten nicht. Während rund die Hälfte der Kinder diesen Rückstand innerhalb des dritten Lebensjahres aufholt, bleibt er bei der anderen Hälfte bestehen und erfordert eine sprachtherapeutische Unterstützung.

Sprachentwicklungsstörungen können viele Ursachen haben, die nicht immer o ensichtlich sind. Neben genetischen Faktoren können auch körperliche Erkrankungen eine Rolle spielen. Hörstörungen, Störungen der Motorik im Mundbereich oder Schaden an Sprachorganen können einer Sprachentwicklungsstörung zugrunde liegen. Aber auch neuronale Schäden, wie auditive Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstörungen, Intelligenzminderung, geistige Behinderung oder tief greifende Entwicklungsstörungen wie zum Beispiel Autismus können dafür verantwortlich sein.

In verschiedenen Vorsorgeuntersuchungen (U6 bis U9) können diese De zite erkannt, mögliche Ursachen analysiert und eine therapeutische Behandlung eingeleitet werden. Das medizinische Feld, welches sich gezielt mit Sprach-, Sprech-, Stimm-, Schluck-, und Hörbeeinträchtigungen auseinandersetzt, ist die Logopädie. Aufgrund der individuellen Diagnostik entwickeln Logopäden Therapien, die auf die entsprechenden Krankheitsbilder und Bedürfnisse in der Sprachentwicklung abgestimmt sind. „Unterschieden werden muss hier zwischen wirklichen Sprachstörungen, bei denen Kinder nicht gut mit sprachlichem Input umgehen können und Sprachau älligkeiten, bei denen das Sprachverarbeitungssystem der Kinder gut funktioniert, ihnen allerdings ein interessiertes Gegenüber fehlt, das als Sprachvorbild agiert und dabei hilft, die Sprachfähigkeit zu entwickeln und die variantenreichen Ausdrucksmöglichkeiten zu erlernen“, sagt Prof. Dr. Monika Rausch, ehemalige Präsidentin des Deutschen Bundesverbands für Logopädie im Gespräch mit der Deutschen Presse Agentur.

Sprechen lernen

Die Fähigkeit zu kommunizieren ist für Kinder in frühen Jahren enorm wichtig, da sie es ihnen ermöglicht, sich zu sozialisieren, andere Kinder kennenzulernen und Freundschaften zu knüpfen. Gleichzeitig fördern die sozialen Interaktionen wiederum die Sprachentwicklung. Besonders Eltern können ihre Kinder hier unterstützen. „Sprache wird über das Sprechen mit vertrauten Bezugspersonen gelernt, und wenn Kinder Mängel in ihrer Sprachentwicklung zeigen, liegt es meist schlicht daran, dass mit ihnen nicht ausreichend und nicht angemessen gesprochen wird“, erklärt Prof. Dr. Johannes Merkel, emeritierter Professor für Spracherziehung an der Universität Bremen im Gespräch mit Renate Müller de Paoli auf der Homepage des Vereins Convivio Mundi.

Gemeinsam mit der Theaterpädagogin und Geschichtenerzählerin Julia Klein entwickelte Merkel verschiedene mündliche Formate, die Kindern Lust am Sprechen machen sollen. Das Geschichtenerzählen bildet hier den Schwerpunkt. „Kinder lieben Geschichten. Sie nähren ihre Phantasie, helfen Erfahrungen zu verarbeiten und liefern Wissen und Kenntnisse“ sagt Julia Klein und erklärt, wie Geschichten die Sprachentwicklung fördern: „Die Begeisterung, die das Hören von Erzählungen auslöst, wirkt auf die Sprachfähigkeit der Kinder zurück und animiert sie, auch selbst die Erzählerrolle zu übernehmen. Kinder, denen häu g Geschichten erzählt werden, entwickeln Lust am sprachlichen Ausdruck und zeigen ein besseres Sprachverständnis.“

Die Pädagogin gestaltet das Erzählen bewusst so, dass die sprachfördernden E ekte verstärkt werden. „Das geschieht durch eine Erzählweise, welche die sprachlichen Aussagen mit Gestik und Spiel begleitet, sodass das Verständnis von Kindern mit Sprachproblemen oder von Kindern, die Deutsch als Zweitsprache sprechen, erleichtert wird. Über sich wiederholende Sätze werden Sprachvorbilder geboten, die leicht von den Kindern selbst aufgenommen und benutzt werden können. Die sprachfördernde Wirkung wird durch Erzählungen, in denen Grammatikprobleme verarbeitet sind, verstärkt“, erklärt sie. Durch rhythmische Sprache oder Reime werden das Verständnis und das Gefühl für den Klang vermittelt – eine Voraussetzung dafür, dass Kinder die Aussprache besser beherrschen können. Assoziationsketten ermöglichen es zudem, dass Kinder Worte in Beziehung mit Lauten, Bildern und auch Bewegungen setzen.

Für Julia Klein ist der Aspekt der Interaktion bei ihrer Arbeit besonders wichtig. Wenn sie ihre Geschichten erzählt, bezieht sie die Kinder immer mit ein und nimmt deren Impulse in die Geschichten auf. So motiviert sie die Kinder dazu, mit eigenen Ideen in die Geschichten einzusteigen. Außerdem versucht sie, ihre Geschichten möglichst nahe an der Lebenswirklichkeit der Kinder zu orientieren. Dazu passt sie die Sprache entsprechend an und richtet die Geschichte an dem Alltag der Kinder aus. Ziel ist es letztendlich, dass Kinder die gehörten Geschichten nicht einfach Wort für Wort wiedergeben könnten, sondern sie mit eigenen Worten nacherzählen oder besser noch: eigene Einfälle dazu dichten und neue Welten erscha en.

Tipps für Eltern

Auch Eltern haben die Möglichkeit, die Sprachentwicklung ihrer Kinder zu unterstützen. Neben der traditionellen »Gutenachtgeschichte « können auch Hörbücher oder Hörspiele das Sprachverständnis und die Artikulationsfähigkeit von Kindern fördern. „Besonders wichtig ist aber eine intensive Kommunikation der Eltern mit dem Kind“, sagt Klein. Erzählen und Zuhören sind für die Förderung der Sprachentwicklung gleichermaßen von Bedeutung. Denn Sprache ist eine interaktive Fähigkeit, die aus einem steten Hin und Her besteht. Kinder in Dialoge zu verwickeln, ist also die beste Möglichkeit, ihre Sprachentwicklung zu unterstützen. „Eine gute Gelegenheit dafür sind familiäre Zusammenkünfte, wie zum Beispiel das Frühstück oder das Abendbrot. Hier kann man gemeinsam am Tisch Geschichten und Anekdoten erzählen oder sich einfach ein wenig unterhalten, um den Kindern Lust auf das Sprechen machen“, schlägt Klein vor.

SPRACHFÖRDERUNG

Geschichten zum online lesen oder kostenlos downloaden
Mit Tipps, was man beim Vorlesen beachten sollte und tollen Geschichten für Kinder im Alter von drei, fünf und sieben Jahren.
www.einfachvorlesen.de

QUELLEN

Theaterpädagogin (BUT) und Geschichtenerzählerin Julia Klein
www.geschichtenhaendlerin.de

Heilmittelbericht AOK
https://www.wido.de/publikationen-produkte/ buchreihen/heilmittelbericht/2018/

Gespräch Monika Rausch
https://www.welt.de/gesundheit/article3889870/ Sprachfehler-oft-nicht-richtig-erkannt. html

Gespräch mit Prof. Merkel: „Erzählen lernt nur, wem auch erzählt wird.“
https://www.convivio-mundi.de/texte-bibliothek/ bildung/erzaehlen-lernt-nur-wem-aucherzaehlt- wird.html

Veranstaltungskalender

24.03.2018 - 19.01.2038, ganztägig
19.04.2019 - 11.06.2026, ganztägig
29.03.2020 - 29.06.2022, ganztägig
05.08.2020 - 04.10.2020, ganztägig
06.08.2020 - 05.10.2020, ganztägig
07.08.2020 - 06.10.2020, ganztägig
08.08.2020 - 07.10.2020, ganztägig
09.08.2020 - 08.10.2020, ganztägig
10.08.2020 - 09.10.2020, ganztägig
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