Langeweile macht kreativ

Heutzutage haben Kinder tendenziell weniger Langeweile, weil sie ihre Zeit mit digitalen Medien verbringen oder die Tage klar durchstrukturiert sind. Was ihnen fehlt, ist Zeit für und mit sich selbst. Zeit für Langeweile. Erziehungsexperten weisen darauf hin, dass Langeweile wichtig für die Entwicklung zu einer selbstreflektierten und kreativen Persönlichkeit ist.

Langeweile macht kreativ

Langeweile macht kreativ (Foto:Anatoliy Karlyuk shutterstock.com)

„Mama, mir ist sooo langweilig!“ Es gibt wohl kaum eine Mutter, die diesen Satz noch nie von ihrem Kind gehört hat. Und doch dürfte er in der heutigen Zeit immer seltener geworden sein. Denn selbst, wenn keiner der Freunde Zeit zum Spielen hat, finden die Kinder heutzutage schnell eine Möglichkeit, sich selbst zu beschäftigen – dem Angebot digitaler Zerstreuung sei Dank.

Daddeln an der Konsole, Youtube-Videos schauen auf dem Tablet, kleine Spiele auf dem Smartphone zocken oder einfach nur Fernsehen. Die Liste der Beschäftigungsmöglichkeiten in der digitalen Welt ließe sich schier endlos weiterführen. Häufig sind diese Beschäftigungen sogar nicht mehr nur ein Ersatz, falls die Freunde keine Zeit haben, sondern werden teilweise bevorzugt oder gemeinsam mit Freunden begangen. Eines steht fest: es gibt immer etwas zu tun und keinen Grund zur Langeweile. Klingt gut, möchte man meinen. Doch Ödnis hat auch positive Auswirkungen. „Langeweile ist eine wichtige Triebfeder in der Entwicklung von Kindern und Jugendlichen, aus der Langeweile heraus entwickeln sie selbst eigene kreative Ideen“, erklärt Diplom-Psychologin Sylvia Dreist.

Wissenschaft belegt positiven Einfluss von Langeweile

Experten betonen häufig, dass Langeweile Kindern gut tut. Nur lässt sich das gegenüber dem Kind wohl kaum als Argument anbringen. Stattdessen ist Durchhaltevermögen gefragt. Es lohnt sich allemal, wie wissenschaftliche Untersuchungen beweisen: Die Psychologen Benjamin Baird und Jonathan Schooler von der University of Carolina führten vor wenigen Jahren ein Experiment zur Erforschung der Auswirkungen von Langeweile durch. Dazu machten sie mit einer Gruppe von 145 Probanden den »Ziegelsteintest«.

Für die Probanden galt es, sich innerhalb von zwei Minuten möglichst viele Verwendungen für Ziegelsteine einfallen zu lassen. Daraufhin wurden sie in Gruppen unterteilt, die für 15 Minuten verschiedene Aufgaben erhielten. Danach wurde der Test erneut durchgeführt. Die Probanden, die zwischenzeitlich einen einfachen, langweiligen Reaktionstest durchführen sollten, schnitten bei der anschließenden Kreativitätsübung signifikant besser ab. Sie fanden wesentlich innovativere Einsatzmethoden für die Ziegelsteine. Die Erklärung der Forscher: Die betroffenen Personen wurden zum Tagträumen verleitet, woraufhin kreative Prozesse ausgelöst wurden.

Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig und derUniversität York in England haben die positiven Effekte von Langeweile auf das Gehirn unter Beweis gestellt. In MRT-Untersuchungen fanden sie heraus, dass bei Menschen, die zum Tagträumen neigen, der Cortex (Großhirnrinde) im Stirnbereich dicker ausgebildet ist. Außerdem überlappen zwei bedeutsame Hirnnetzwerke stärker als sonst: das Default-Mode-Netzwerk, das bei der Aufmerksamkeit nach innen wie beispielsweise der Information über das Gedächtnis aktiv wird, und das fronto-parietale Kontrollnetzwerk, das als kognitives Kontrollsystem den Fokus stabilisiert.

Laut der US-amerikanischen Wissenschaftlerin Dr. Teresa Belton von der University of East Anglia entwickeln Kinder gerade dann Vorstellungskraft und Kreativität, wenn sie Freiraum haben und sich nicht sichtbar beschäftigen. Dafür setzen sie sich in diesen Phasen mit sich selbst auseinander: mit ihren persönlichen Interessen, ihren Fähigkeiten und ihren Stärken oder Schwächen. Belton hat jahrelang zum Thema Langeweile geforscht und kam dabei zu dem Ergebnis, dass die Fähigkeit zur Selbstreflexion durch sie immens gestärkt wird, was den Kindern bei der Selbstfindung und damit bei der Persönlichkeitsentwicklung ungemein hilft. „Je nach Alter des Kindes nehmen Fantasiewelten einen großen Raum ein, der ausgeschmückt wird und als Lernkontext dient, wobei die Kinder rein intrinsisch motiviert Erfahrungen machen. Das heißt sie ergründen aus sich selbst heraus die Umwelt, erfahren Grenzen und Möglichkeiten ihres Tuns“, bestätigt Sylvia Dreist.

Nicht alles durchstrukturieren

Viele Psychologen raten davon ab, Tagesabläufe stringent durchzustrukturieren. Montags Klavierunterricht, dienstags Pfadfinder, mittwochs Fußballtraining, donnerstags Schwimmen, freitags wieder Fußballtraining und nach der Schule jeden Tag zwei Stunden Hausaufgaben – bei solchen Wochenplänen haben Kinder kaum Zeit für sich selbst, geschweige denn für Langeweile. Es ist ratsam, sich nicht alle Tage zu verplanen. Das baut bei den Kindern Stress ab, nimmt ihnen den Druck und fördert ihre Entwicklung. „Kinder müssten Gelegenheit haben, von außen unbeschäftigt zu sein, um selbst kreativ zu werden. Diese Kompetenz brauchen sie auch als Erwachsene“, sagt Dreist und betont jedoch auch, dass Langeweile keineswegs zum Dauerzustand werden sollte: „Zwar fördert sie die eigene Kreativität, aber Kinder benötigen auch Anreize und Förderung, um sich orientieren zu können.“

Anreize zur Beseitigung der Langeweile zu schaffen bedeutet keineswegs, seinen Kindern den Fernseher anzuschalten. Stattdessen können kleine Denkanstöße dabei helfen, in ihnen die Fantasie sprießen zu lassen: „Du hast mir doch kürzlich erzählt, dass…“, „Schau mal, die Äste sehen aus wie…“ oder „Was würdest du sagen?“. Kinder lassen dann ihrer Kreativität freien Lauf und entwickeln Ideen, wie sie sich sinnvoll mit sich und ihrer Umgebung beschäftigen können – auch außerhalb der digitalen Welt.

Veranstaltungskalender

31.12.2017 - 31.10.2018, ganztägig
24.03.2018 - 19.01.2038, ganztägig
04.08.2018 - 04.06.2019, ganztägig
22.09.2018, 17:00 Uhr
23.09.2018, ganztägig
23.09.2018, ganztägig
23.09.2018, 14:00 Uhr
23.09.2018, 16:00 Uhr
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