Lügen haben lange Beine

Fast jedes Kind wächst mit Lügen auf – vom Weihnachtsmann, Christkind, Osterhasen oder der Zahnfee. Einige Eltern greifen zudem zum Mittel der Lüge, um ihr Kind zu disziplinieren. Ein bedenkliches Muster, das das Vertrauensverhältnis zerstören und das Kind in die Orientierungslosigkeit treiben kann. Lügen ist keine Erziehungsmethode und sollte daher nicht zur Gewohnheit werden. Wenn doch, neigt auch das Kind später um Flunkern.

Lügen haben lange Beine

Lügen haben lange Beine (Foto: txking shutterstock.com)

Weihnachtszeit ist Familienzeit. Es wird zusammen gebacken, geschmückt und gebastelt. Eines machen die Kinder aber ganz alleine: Sie schreiben ihren Wunschzettel für den Weihnachtsmann oder das Christkind. Das Ganze geht die Eltern nichts an, weil der Brief ja nicht für sie bestimmt ist. Die Eltern spielen in der Regel mit, sie lassen ihre Kinder in dem Glauben, es gäbe die schenkenden Fantasiewesen wirklich. Genauso wie den Osterhasen, den Nikolaus oder die Zahnfee. Wenn die Kinder dann herausfinden, dass alles nur Schall und Rauch war, bricht für viele eine Welt zusammen.

Im letzten Jahr erschien in der medizinischen Fachzeitschrift „The Lancet Psychiatry“ ein Artikel mit dem Titel „A wonderful lie“. Christopher Boyle von der University of Exeter und Kathy McKay von der University of Liverpool werfen die Frage auf, wie Kinder mit dem Wissen umgehen, jahrelang belogen worden zu sein. Viele Erwachsene werden sich selbst noch an den schwarzen Tag erinnern, an dem sie von der Lüge erfuhren, so auch die Autoren des Artikels. Ohne die Weihnachtsmann-Lüge abzustrafen, fragen sich die Psychologen, ob sie psychische Schäden anrichten kann. Von einem möglichen Vertrauensverlust gegenüber den eigenen Eltern ist die Rede. Das führt zur Frage: Dürfen Eltern ihre Kinder anlügen?

Lügen betreffen nicht immer nur Feiertage oder bestimmte Wesen. Häufig wollen Eltern ihre Kinder auch von Geschehnissen oder Begebenheiten isolieren und belügen sie zum vermeintlichen Schutz. Das ist beispielsweise beim Tod von Angehörigen oder Haustieren, bei Krankheiten, Schulden oder Ehestreitigkeiten der Fall. Wozu das führen kann, hat der französische Schriftsteller Éric-Emmanuel Schmitt in seinem Buch „Oskar und die Dame in Rosa“ beschrieben: Der zehnjährige Oskar ist an Leukämie erkrankt und hat nicht mehr lange zu leben. Seine Eltern bringen ihm die bittere Wahrheit jedoch nicht bei. Stattdessen freundet er sich mit einer alten Dame an, die er Rosa nennt. Weil seine Eltern nicht mit ihm über die Krankheit reden, baut die Beziehung zu ihnen enorm ab. Zwischenzeitlich entsteht ein emotionaler Bruch zwischen Oskar und seinen Eltern.

Laut der Psychologin Irmela Wiemann kommt es im Eltern-Kind-Verhältnis auf die vier Grundpfeiler Sicherheit/Vertrauen, Selbstständigkeit/Unabhängigkeit, Orientierung/Grenzen und Eltern als Modelle/Vorbilder an. Wenn Eltern ihre Kinder anlügen, beginnen diese Grundpfeiler zu bröckeln. Auch schwierige Themen sollten auf eine kindgerechte Weise besprochen werden, da somit das Vertrauen aufrechterhalten wird. Kinder verfügen außerdem über einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn. Wird dieser durch eine Lüge von den Personen, zu denen sie als Vorbilder aufsehen, verletzt, kann das Verhältnis darunter leiden.

Im Fall der Weihnachtsmann-Lüge gehen die meisten Psychologen von einer Unbedenklichkeit aus. Trotzdem sind moralische Zweifel erlaubt, denn die Story wird von einigen Eltern missbraucht. „Nur die braven Kinder bekommen Geschenke“, sagen sie ihrem Nachwuchs, „die anderen gehen leer aus“. An Nikolaus kommt es für die Ungehorsamen sogar noch schlimmer, da sie Knecht Ruprecht für ihre Sünden bestraft. Angst als Mittel zum Zweck der Disziplinierung ist ein fragwürdiger Erziehungsansatz. Märchen- und Mythenwelten gehören zum kindlichen Leben dazu, auch im Erwachsenenalter nimmt der Glaube an Übernatürliches bei vielen durch die Religion einen wichtigen Platz ein.

Aber der elterliche Aufbau eines Lügengerüstes zur Disziplinierung schadet den Kindern. Wenn dieses Gerüst zusammenbricht, verlieren sie in der Realität die Orientierung und wissen nicht, wem sie eigentlich noch vertrauen können. Darunter leidet in der Folge auch die Entwicklung der Selbstständigkeit. Wenn Kinder selbst von ihren eigenen Eltern durch wiederholte Lügen emotional manipuliert werden, fühlen sie sich nicht als eigenständiges Individuum ernst genommen und verlieren ihr Selbstwertgefühl, das für die Persönlichkeitsentwicklung besonders wichtig ist.

Wenn Eltern lügen, lügen auch die Kinder

Früher oder später entdecken auch Kinder das Mittel der Lüge für sich. Viele Eltern neigen dazu, ihnen nach noch so kleinen Flunkereien moralinsaure Vorträge zu halten. Davon, wie wichtig es sei, immer die Wahrheit zu sagen und welche Konsequenzen eine kleine Lüge haben könne. Nicht selten kommt dann die Volksweisheit zum Einsatz: „Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht, selbst, wenn er die Wahrheit spricht.“ Besonders ernst wird es, wenn auch hier mit negativen Konsequenzen gedroht wird – wie etwa „Lügner kommen ins Gefängnis“. Im Fachjargon spricht man von emotionaler Erpressung. Eltern setzen ihr Kind mit dieser Methode unter einen extremen Druck, der Angstzustände auslösen kann.

Kinder zur Wahrheit zu bewegen, ist dabei viel einfacher und ohne psychologische Manipulation möglich. Lügen ist keine angeborene Fähigkeit, sie wird durch Nachahmung erlernt. Die Sprösslinge schauen sich ihre Verhaltensweisen in der Regel bei ihren Eltern ab – auch, wenn es ums Lügen geht. Psychologen von der University of California haben eine Untersuchung mit Drei- bis Siebenjährigen durchgeführt. Dabei wollten sie erforschen, ab welchem Alter die Kinder anfangen, Notlügen und Flunkereien zu verwenden.

Die Kinder wurden alleine in einen Raum gelassen, in dem sich unter einem Tuch ein Stofftier verbarg. Ohne das Tuch herunterzunehmen, sollten sie erraten, um was für ein Tier es sich handelt. Fast alle Kinder schauten heimlich unter das Tuch. Von den Drei- bis Vierjährigen gab etwa die Hälfte danach den Schwindel zu, bei den Fünf- bis Siebenjährigen verheimlichten die meisten, dass sie unter das Tuch geschaut haben. Bei einem Teil der Kinder wurde den Eltern im Voraus gesagt, sie sollten ihre Kinder anlügen und die Lüge direkt danach zugeben. Das Ergebnis der Forscher: Die belogenen Kinder zeigten anschließend eine deutlich größere Tendenz zum Lügen. Neun von zehn Kindern gaben nach dem Versuch nicht zu, dass sie geschummelt haben. Wer also Lügen sät, wird mit hoher Wahrscheinlichkeit auch Lügen ernten.

LINKS
www.thelancet.com/journals/lanpsy/article/PIIS2215-0366(16)30363-7/fulltext
www.researchgate.net/publication/260837765_Follow_the_liar_The_eff ects_of_adult_lies_on_children%27s_honesty
www.irmelawiemann.de/seiten/artikel.htm

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