Mehr Mitgefühl. Im Porträt: Pädagogin und die Stimme des Leher Pausenhofs – Renate Prasse

Empathie beschreibt die Fähigkeit, die Emotionen einer anderen Person zu erkennen, sie zu verstehen und letztendlich nachzuempfi nden. Besonders für die Kleinsten in unserer Gesellschaft sind Mitgefühl und Teilhabe mindestens genauso wichtig, wie klare Regeln. Kinder brauchen Beständigkeit und jemanden, auf den sie sich verlassen können – jemanden wie Renate Prasse.

Renate Prasse (Foto: Björn Gerken)

Renate Prasse (Foto: Björn Gerken)

Geboren ist Renate Prasse in Etelsen, Kreis Langwedel und aufgewachsen in Schwaförden im Kreis Diepholz. Nach der Schule zog es sie vom Land in die große Stadt nach Bremen, um eine Ausbildung zur Kinderkrankenschwester an der Prof.-Hess-Kinderklinik zu machen. Nach der Ausbildung und einer Sonderbegabtenprüfung, damit holte sie ihr Abitur nach, um anschließend ein Studium der Erwachsenenpädagogik an der Universität Bremen aufzunehmen. 1979 hat es sie dann in die Seestadt verschlagen, weil ihr Ehemann hier als Lehrer beschäftigt war. Sie selbst engagierte sich im Förderverein für Kommunikation und Kultur e.V.. Im Bahnhof Lehe sollte damals ein soziokulturelles Zentrum entstehen, doch leider wurde aus den Plänen nichts „und so mussten wir ins Abteil“, sagt sie lachend. So fand der Verein ein neues Zuhause in der Bürger 209, einer Institution, die sich sozial engagiert und Minderheiten wie Schwulen und Lesben einen Ort bietet, an dem sie ganz unbefangen sie selbst sein dürfen, fügt sie hinzu.

Die Arbeit für und mit den Menschen ist das, was ihre Arbeit bis heute prägt. In den 80ern betrieb sie einen kleinen Laden in der Rickmersstraße. In Renate Stenzels Lädchen verkaufte sie neben Literatur für Frauen und Kinder auch Tee und Wolle. Auch in der Frauenbewegung war sie aktiv und organisierte off ene Frauengruppen. Daraus resultierte ein großes Frauenbündnis, das aus vielen regionalen und überregionalen Frauenorganisationen bestand und sich regelmäßig im Kulturzentrum am Roten Sand traf. Auch die Friedensarbeit wurde großgeschrieben. „Was zu meiner Zeit die Friedensarbeit war, ist heutzutage die Klimadebatte“, sagt sie lachend.

Danach nahm sie sich erstmal Zeit für die Familie und widmete sich ihren beiden Kindern. Das Leben von Kindern zu begleiten und sie beim Aufwachsen zu unterstützen, wurde schnell zu ihrer Lebensaufgabe – und dabei sollte es nicht nur um ihre eigenen Kinder gehen. Sie berichtet von einem einschneidenden Erlebnis: Als ihre Tochter auf die Pestalozzi Schule ging, wurde sie immer von einem Mädchen abgeholt und in die Schule begleitet. Meine Tochter war meistens noch nicht mit dem Frühstück fertig. Da fragte das Mädchen eines Morgens, ob sie das übriggebliebene, angebissene Knäckebrot mit Himbeermarmelade aufessen dürfte. Seitdem frühstückte sie immer bei uns. Dieses Erlebnis ist ausschlaggebend für ihr heutiges Engagement gewesen. Ihr wurde klar, dass sie aktiv werden musste und wollte. Von diesem Moment an stand für sie fest, dass sie denen helfen wollte, die sonst keine Hilfe erwarten konnten – weder von der Gesellschaft, noch von ihrem Umfeld - den Kindern aus Lehe. Sie kommt zur Sache: Ihre Mine verfi nstert sich und der freundliche Blick weicht Ernsthaftigkeit. Sie erzählt von der Armut im Stadtteil, die ihr tagtäglich begegnet. Sie berichtet von der Überforderung oder bloßem Desinteresse der Eltern und der Verwahrlosung der Kinder. „Eine Teufelsspirale, aus der es nur wenigen gelingt, zu entkommen“, stellt sie betrübt fest.

Seit 2011 gibt es den Leher Pausenhof in seiner jetzigen Form. Aber schon 2006 nach dem Abriss der alten Deichschule war Renate Prasse das Potential dieses Platzes als Mittelpunkt des Goethequartiers bewusst. Er ist mittlerweile nicht nur ein fester Bestandteil der Kinder- und Jugendarbeit in Lehe, sondern eine beliebte Anlaufstelle für Klein und Groß. Betrieben wird der Pausenhof von freiwilligen Helfer und Helferinnen. Gemeinsam mit ihrem Team aus Ehrenamtlichen organisiert Renate Prasse für die Kinder und Familien Angebote, wie zum Beispiel der Verleih von Rollern und Spielzeug. Damit Kinder und junge Menschen lernen Verantwortung zu übernehmen, gibt es auch eine Gruppe im Alter von 10 Jahren und älter. Hier lernen sie Angebote für andere Kinder vorzubereiten und zu betreuen. Das Team vom Leher Pausenhof kooperiert mit dem Stadtjugendring, den Falken, dem Jugendwerk der AWO, der Goethe 45 und dem Rockcenter.

Die Arbeit auf dem Pausenhof verlangt ein hohes Maß an Disziplin und Durchsetzungsvermögen. Konfl ikte, die in Gewalt und derber Sprache ausarten, stehen auf der Tagesordnung – und das nicht nur unter den Kindern. „Mich stört die Respektlosigkeit und das Fehlen von Feingefühl was die Umgangsformen mancher Menschen prägt.“ Es müssen Regeln herrschen, die ein friedliches und angenehmes Miteinander gewährleisten, aber selbstverständlich muss es auch jemanden geben, der dafür sorgt, dass diese Regeln eingehalten werden. Ein Drahtseilakt, denn Renate Prasse und ihr Team müssen sich nicht nur um die Kinder kümmern, sondern sind gleichzeitig auch Vermittler, zwischen Kindern, Eltern und den Anwohnern, die dem Leher Pausenhof leider nicht alle wohlgesonnen sind, erzählt sie. So sah sich das Team von Renate Prasse schon einigen Anfeindungen gegenüber. Aber hier bestätigt sich das, was allenthalben über Renate Prasse berichtet wird: Sie ist taff ! Trotz der doch auch stressigen und manchmal nervenaufreibenden Arbeit, hat sie immer ein Lächeln auf den Lippen, denn die Arbeit mit den Kindern und Familien bedeutet ihr sehr viel. Gleichzeitig stellt sich aber auch Frust ein. Ihr Blick ist freundlich aber bestimmt - wie sie sicher auch die Kinder auf dem Pausenhof ansieht: „Lehe braucht noch mehr solcher Inseln, die sich kümmern“, fordert sie. Dabei ist nicht nur das Engagement der Bürger gefragt. Für die Zukunft wünscht sie sich, dass die Politik und die Stadt mehr solcher Projekte ins Leben rufen und fördern – und dazu ist erstmal nicht viel nötig, nur ein wenig Geld und viel Empathie.

Aktiv mitmachen
Wer sich ehrenamtlich engagieren und/ oder den Leher Pausenhof unterstützen möchte, meldet sich einfach telefonisch unter 0471/17018876.

Veranstaltungskalender

28.10.2001 - 28.10.2019, ganztägig
24.03.2018 - 19.01.2038, ganztägig
19.04.2019 - 11.06.2026, ganztägig
17.08.2019, ganztägig
17.08.2019, 20:00 Uhr
18.08.2019, ganztägig
18.08.2019, ganztägig
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