Sind die dick, Mann!

Die Menschheit ist zu dick. Über 2,2 Milliarden Menschen auf der Welt sind laut einer im »New England Journal of Medicine« erschienenen Studie übergewichtig oder gar fettleibig. Das Problem betrifft nicht nur Erwachsene, sondern auch Kinder und Jugendliche. In Deutschland gelten rund 15 % der Minderjährigen als übergewichtig. Die Ursachenforschung ergab jüngst, dass Werbung dabei einen der relevantesten Einflussfaktoren darstellt.

Sind die dick, Mann!

Sind die dick, Mann! (Fotos: Africa Studio shutterstock.com)

„So dick war Deutschland noch nie.“ Mit diesem Satz begann im vergangenen Jahr eine Pressemitteilung der Deutschen Gesellschaft für Ernährung e.V. (DGE). Der Satz ist simpel, eingängig und vor allem alarmierend: laut dem 13. Ernährungsbericht der DGE sind 59 % der Männer und 37 % der Frauen übergewichtig – so viele wie nie zuvor. Aber nicht nur bei Erwachsenen zeichnete sich in den vergangenen Jahren ein bedauerlicher Trend ab, auch bei Kindern sind die Werte erschreckend. Wie das Integrierte Forschungs- und Behandlungszentrum Adipositas (IFB Adipositas) berichtet, sind rund 15 % der Kinder und Jugendlichen übergewichtig, 6 % davon bereits adipös, also stark oder krankhaft übergewichtig beziehungsweise fettleibig.

Es könnten allerdings weitaus mehr Kinder betroffen sein, da die Ermittlung dieser Werte relativ ist. Während die Bestimmung bei Erwachsenen einfach über den BMI nachvollzogen werden kann (ab BMI von 25 übergewichtig, ab 30 adipös), lässt sich die Formel bei Kindern wegen der unterschiedlichen Wachstumsphasen nicht anwenden. Hier rechnen Forscher mit sogenannten Perzentilen. Dieser Wert sagt aus, wie viel Prozent der Gleichaltrigen des gleichen Geschlechts einen niedrigeren BMI haben als das Kind. Wenn es über 90 Prozent sind, gilt es als übergewichtig, ab 97 Prozent als adipös.

Das IFB Adipositas stützt sich bei seinen Angaben auf die Studie zur Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Deutschland (KiGGS) vom Robert Koch-Institut. Die Studie hat dazu die Messwerte zu Körpergewicht und Körpergröße von Kindern und Jugendlichen im Alter von drei bis 17 Jahren erhoben. Aus den Ergebnissen geht hervor, dass sich der Anteil an übergewichtigen Kindern in den letzten Jahren auf diesem hohen Level stabilisiert.

Robert Koch-Institut warnt vor weltweitem Gesundheitsproblem

Das Robert Koch-Institut warnt in einem Fact Sheet der Studie: „Die hohen Prävalenzen von Übergewicht und Adipositas im Kindes- und Jugendalter stellen ein weltweites Gesundheitsproblem sowie eine bedeutende Herausforderung für Public Health im 21. Jahrhundert dar. Die Prävention von übermäßiger Gewichtszunahme bei Kindern und Jugendlichen hat aus unterschiedlichen Gründen eine hohe Relevanz: Kinder mit Übergewicht und Adipositas weisen im Vergleich zu normalgewichtigen Gleichaltrigen häufiger Risikofaktoren für Herz-Kreislauf-Erkrankungen wie einen erhöhten Blutdruck, Fettstoffwechselstörungen und Störungen des Glukosestoffwechsels auf.“ Des Weiteren sei ein hoher Body Mass Index (BMI) im Kindes- und Jugendalter auch im Hinblick auf Langzeitfolgen mit einem erhöhten Risiko für Typ- 2-Diabetes, Bluthochdruck und Herz-Kreislauf-Erkrankungen im Erwachsenenalter sowie mit einer niedrigeren Lebensqualität verbunden.

Um sich der »bedeutenden Herausforderung« anzunehmen, müssen nicht nur die Möglichkeiten zur Gewichtsreduzierung bei Kindern, sondern auch die Ursachen für das Übergewicht erforscht werden. Und genau in diesem Forschungsbereich traten unlängst interessante Ergebnisse ans Tageslicht. Die Studie, um die es geht: eine groß angelegte Untersuchung mit 16.000 Kindern in acht Staaten, die den Namen »I.Family« trägt und an der 17 Forschungseinrichtungen in zwölf Ländern beteiligt waren, darunter die Universität Bremen als Koordinatorin. Eines der brisanten Ergebnisse: Werbung macht Kinder dick.

Vom Übergewicht betroffen sind der Langzeitstudie zu Folge vor allem Kinder aus sozial schwachen Familien, bei denen im Vergleich zu den anderen nach sechs Jahren doppelt so viele übergewichtig waren. Weniger gebildete Eltern achten nach Angaben der Wissenschaftler seltener auf eine ausgewogene Ernährung und ausreichende sportliche Betätigung ihrer Kinder. Besonders einflussreich auf das Gewicht der Kinder wirkte sich dabei der Konsum von Fernsehwerbung aus.

Unternehmen halten sich nicht an freiwillige Vereinbarung

Weil die Politik der Werbung noch keinen Riegel vorgeschoben hat, hätte die Wirtschaft eigentlich freien Handlungsspielraum. Doch im Rahmen einer EU-Initiative haben sich die größten Lebensmittelhersteller freiwillig selbstverpflichtet, ihre Werbemaßnahmen in TV, Print und Internet zu regulieren. Nach dem »EU Pledge« dürfen die Unternehmen keine Werbung für Produkte machen, die sich an Kinder unter zwölf Jahren richtet – es sei denn, die Produkte entsprechen den Nährwertanforderungen, die auf internationalen Empfehlungen und der wissenschaftlichen Grundlage basieren. Zudem wolle man keine Produktwerbung in Grundschulen betreiben, außer sie ist explizit erbeten oder zu Bildungszwecken genehmigt.

Der Pledge wurde 2007 von elf großen Firmen (Burger King, Coca-Cola, Danone, Ferrero, General Mills, Kellogg, Kraft Foods, Mars, Nestlé, PepsiCo und Unilever) unterzeichnet. In den folgenden Jahren zogen weitere Unternehmen nach, darunter auch McDonalds, Intersnack und die Lorenz Snack- World. Der gemeinnützige Verein Foodwatch e.V. hat die Einhaltung der freiwilligen Vereinbarung überprüft und stellte dabei reihenweise Verstöße fest. Ein prominentes Beispiel für diese Verstöße sei die Marke »Pom-Bär«, die zu Intersnack gehört. In einem TV-Spot von Pom-Bär klettern zwei Kinder auf einen Dachboden, öffnen dort eine Tür zu einem Zimmer und der Junge sagt: „Da ist es. Hier gehören die Pom-Bären nur uns.“ Danach kommen die Mutter und ein animierter Pom-Bär dazu und gemeinsam essen sie die Snacks. Der offensichtliche Eindruck, dass sich diese Werbung direkt an Kinder richtet, wird durch das Online-Angebot der Marke verstärkt. Die Online-Welt ist kindgerecht gestaltet, bietet Bastel-Ideen, ein Pom-Bär Quiz sowie zahlreiche weitere Spiele – alle mit der Pom- Bär-Werbefigur, die auch auf der Snacktüte strahlt . Dies kritisieren die Gesundheitswächter.

Auch weitere unabhängige Untersuchungen bestätigen, dass sich die Wirtschaft in weiten Teilen nicht an die Vereinbarung hält. So fanden Dr. Tobias Effertz und Ann-Christin Wilcke 2012 in einer Studie für den Raum Deutschland heraus, dass weiterhin nahezu ausschließlich unausgewogene Produkte für Minderjährige beworben werden. Die Wissenschaftler werteten dazu drei bei Kindern besonders beliebte Kanäle aus – MTV, ProSieben und Nickelodeon – und fanden einen Anteil von rund 98 Prozent ungesunder Produkte unter den beworbenen Lebensmitteln. Von daher liegt die Vermutung nahe, dass freiwillige Vereinbarungen nicht dazu beitragen werden, das Übergewicht der Kinder zu vermeiden und ein Bewusstsein für gesunde Ernährung zu schaffen.

Informationen:
www.ifamilystudy.eu
www.foodwatch.org
www.eu-pledge.eu
www.deutsche-diabetes-gesellschaft.de
www.ifb-adipositas.de
www.dge.de

Veranstaltungskalender

24.03.2018 - 19.01.2038, ganztägig
04.08.2018 - 04.06.2019, ganztägig
07.12.2018 - 05.02.2019, ganztägig
11.12.2018 - 09.02.2019, ganztägig
11.12.2018, 09:00 Uhr
11.12.2018, 11:00 Uhr
12.12.2018 - 10.02.2019, ganztägig
12.12.2018, 09:00 Uhr
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