Sport für alle

Alle schwatzen wild durcheinander. Isar mit seinem linken Nachbarn, Luca mit seinem Gegenüber und alle zur gleichen Zeit mit dem Trainer. Michi Arends sitzt in der Mitte und ist die Ruhe selbst. Gleich wird er das Training der Werder-Youngsters starten, einer inklusiven Fußballgruppe von Werder Bremen – wenn denn irgendwann alles erzählt ist.

Sport für alle

Sport für alle (Foto: PR Archiv AOK Bremen/Bremerhaven, Lehmkuehler)

Mit Behinderung und voll dabei
Arends ist bei Werder Bremen der Mann für die Inklusion. Etliche Projekte hat der Verein ins Leben gerufen, damit Menschen mit Behinderung bei Werder nicht nur zuschauen, sondern auch mitmachen können. Es gibt Gruppen, in denen sie unter sich sind, Gruppen, in denen sie in der Minderheit sind, und es gibt die Gruppe in Blumenthal. 2013 hat Werder dort einen Sportplatz gebaut und zunächst mit behinderten Kindern trainiert. Weil der Platz aber frei zugänglich war, kamen andere hinzu, die dort ihre Freizeit verbrachten. So wuchs die Mannschaft zusammen. Jungen und Mädchen gemeinsam, Könner und Anfänger, mit und ohne Behinderung. Arends ist überzeugt, dass viele seiner Kinder gar nicht wissen, was behindert ist, geschweige denn wer. „Der eine oder andere ist vielleicht ein schlechterer Fußballer, aber behindert…? Nein!“

Beim Laufen durch die Trainingsleiter tut sich Isar heute schwer. Gehandicapt ist der Junge im Werder-Dress nicht, er steht gerade schlicht auf der Leitung. „Die Beine vorne hochziehen“, mahnt Co-Trainer Kassem Celik und lässt den Jungen doch gewähren. Janine indes braucht Hilfe. Die Jugendliche ist samt Betreuer und weiteren Kindern aus der Stiftung Friedehorst zum Training gekommen. Die Koordination ihrer Füße fällt ihr sichtlich schwer. Arends nimmt Janines Hände und leitet sie an.

„Warum sollte gemeinsames Training nicht funktionieren“, fragt Arends. „Ich muss nur wissen, dass ich die Einheit flexibel gestalten muss.“ Spätestens, wenn der Ball übers Feld rollt, ist Arends nur noch Beobachter am Rande. Isar ist ein Wirbelwind, aber auch wenn Janine und Luca den Ball bekommen, dreschen sie drauf. Es läuft bei den Werder-Youngsters – so gut, dass Arends mit seiner Truppe in diesem Jahr erstmals bei Turnieren starten will. Der Bremer Jugendring bietet dafür den Rahmen: Einmal im Jahr lädt er Sportler aller Länder, mit oder ohne Handicap, zum sportlichen Wettstreit ein, bei dem Fairness mindestens ebenso viel zählt wie Torinstinkt.

Tempo und Intensität sind abgestimmt
Auch beim Martinsclub Bremen gibt es mit der Betriebssportgemeinschaft eine Mannschaft, in der Menschen mit und ohne Handicap gemeinsam an der Platte stehen. Jeden Freitag trainieren die Tischtennisspieler beim SV Hemelingen. Und immer, wenn die Belegschaft des Martinsclubs dort die Bälle hin und her schlägt, gesellen sich Vereinssportler hinzu. „Seitdem hat sich bei unseren Leuten viel getan: Zu null verlieren wir nicht mehr!“, sagt Petra Schürer, die beim Martinsclub die Sportangebote koordiniert. Auch gibt es eine inklusive Fußballmannschaft und eine Schwimmgruppe, bei dem Kinder mit und ohne Handicap zwar gemeinsam, jedoch auf unterschiedlichen Niveaus trainieren. Beim Training des Martinsclubs seien Tempo und Intensität auf die Menschen mit Behinderung abgestimmt. Und die nähmen das Angebot gerne an, so Schürer. Menschen ohne Handicap sind jedoch selten dabei, gleichwohl das Angebot offen sei. „Man sucht sich halt den Verein, der seinem Niveau und seinem Anspruch entspricht“, sagt Schürer. Nach einer bundesweiten Umfrage treiben 49 von 100 Menschen mit Behinderung Sport. „Aber nur 9 von 100 Breitensportlern trainieren regelmäßig in inklusiven Gruppen“, sagt Kai Steuck, Stellvertretender Landesbehindertenbeauftragter.

Selbstbewusster und motivierter durch Sport
Eine neue, bislang deutschlandweit einmalige Studie der Universität Bremen hat sich jetzt behinderten Menschen gewidmet, die Sport trotz aller Angebote – inklusiv oder nicht – bislang nicht genutzt haben. Für die Studie hatte das Team um Professor Dr. Dietrich Milles, Dr. Ulrich Meseck und Joanna Wiese von der Universität Bremen (Socium Forschungszentrum Ungleichheit und Sozialpolitik sowie Fachbereich Kulturwissenschaften) 58 Frauen und Männer einmal die Woche zu Sport-, Spiel- und Bewegungsstunden eingeladen. Sie trainierten während der Dienstzeit, denn die Kurse liefen unter Betrieblicher Gesundheitsförderung.

Initiiert, finanziert und begleitet wurde die Studie von der AOK Bremen/Bremerhaven. Für sie war die Unterstützung der Studie eine Herzensangelegenheit, bekannte Jörg Twiefel, Stellvertreter des Vorstandes bei der AOK Bremen/Bremerhaven. „Wir erfüllen hier einen gesetzlichen Auftrag und übernehmen gleichzeitig eine wichtige soziale Verpflichtung: Wirksame Prävention auch bei benachteiligten Gruppen zu leisten.“

Nach fünf Jahren ist nun Bilanz gezogen worden. Werkstatt- und Gruppenleiter berichteten, die Teilnehmer hätten nach dem Training aktiver, selbstbewusster und motivierter gewirkt. Die Wissenschaftler berichten von eindrucksvollen Fortschritten in Sachen Ausdauer, Kondition, Koordination, Beweglichkeit und Reaktionsfähigkeit. Das wiederum habe sich positiv auf die Leistungsfähigkeit, das Selbstwertgefühl und die Zufriedenheit der behinderten Menschen an ihren Arbeitsplätzen ausgewirkt. Die Teilhabe im Arbeitsprozess, aber auch in der Gemeinschaft, so die Quintessenz, werde gezielt gefördert.

Wichtig für den Erfolg des Programmes sei, die individuellen Fortschritte innerhalb einer Gruppe zu ermöglichen, betont Sportwissenschaftler Dr. Ulrich Meseck. Und: „Die sportliche Aktivierung sollte dort stattfinden, wo sie sich anbiete: in der Schule, aber vor allem in den Einrichtungen, die behinderte Menschen beschäftigten.“

Kriterien für Umsetzung in Sportvereinen
Damit sich Menschen mit Handicap auch in regulären Sportvereinen wohlfühlen, braucht es nach Überzeugung Ingelore Rosenkötters, der Vorsitzenden von Special Olympics Bremen, drei Dinge. Erstens: einen Vorstand, der Inklusion angehen will. Zweitens: Übungsleiter, die sich die Arbeit mit behinderten Sportlern zutrauen und sich gegebenenfalls fortbilden. Das Dritte und in Rosenkötters Augen das Wichtigste: „Bestehende Gruppen, die sich öffnen. Die sagen: Wir nehmen Dich mit.“ Rosenkötter sieht Bremen dabei auf einem guten Weg. Vor allem Menschen mit Körperbehinderungen seien viel in Sportvereinen unterwegs. „Bei Menschen mit geistigen Behinderungen haben wir auf einer Marathonstrecke vielleicht die halbe Strecke geschafft.“

Aktuell bereitet sich Special Olympics Bremen gerade auf die Landesspiele vor, die vom 6. bis zum 8. September 2017 in Bremen über die Bühne gehen. Auf dem Vereinsgelände von TuS Komet Arsten werden sich geistig und mehrfach behinderte Sportlerinnen und Sportler aus ganz Deutschland in Disziplinen wie Judo, Leichtathletik, Dreiradfahren, Boccia, Tischtennis und Fußball messen. Rosenkötter erwartet Hunderte Sportler, viele Helfer (unter anderem beteiligt sich die AOK Bremen/Bremerhaven mit rund 70 Helfern) und Zuschauer. „Es ist uns ein Anliegen, die Athleten mit all ihren Stärken, aber auch mit ihren Behinderungen sichtbar zu machen“, so Rosenkötter.


Inklusionsfest beim FC Sparta

Die AOK Bremen/Bremerhaven unterstützt zahlreiche jährlich stattfindende Sportveranstaltungen, wie die „Inklusionsmeisterschaft“ (Bremer Fußball-Verband), den „iCup“ (Bremer Sportgarten) oder das „Behindertensportfest Bremerhaven“. Um für mehr Miteinander und Inklusion zu werben, richtet der Fußballverein FC Sparta Bremerhaven am Sonntag, den 1. Oktober, auf der Vereinsanlage an der Pestalozzistraße ein großes Inklusionsfest aus. Dabei geht es nicht allein um Fußball, sondern darum, Menschen unterschiedlicher Herkunft, Menschen mit und ohne Handicap sowie Alt und Jung zusammenzubringen. In der Zeit von 10 bis 16 Uhr gibt es auf dem Vereinsgelände Spiele, Chöre und Orchester werden zu hören sein, außerdem sind Besucher zu einer kulinarischen Weltreise eingeladen.

Weitere Infos unter www.sc-sparta.de.


ZU DER UNI-STUDIE SIND ZWEI BÜCHER ERSCHIENEN:
• Dietrich Milles, Ulrich Meseck, Joanna Wiese: Inklusion praktisch begründet. Sportliche Aktivierung in Werkstätten für behinderte Menschen. 165 Seiten, 20 Euro. Bremen 2017.
• Dietrich Milles, Ulrich Meseck, Joanna Wiese: Sportliche Aktivierung in Werkstätten für behinderte Menschen. Ein Handbuch für die Praxis. 295 Seiten, 28 Euro. Bremen 2017.

Veranstaltungskalender

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