Stille Nacht, schlau erwacht!

Schlafen ist eine komplizierte Angelegenheit. Schlafgewohnheiten sind sehr verschieden. Auf der einen Seite gibt es die Lerchen, die eher ins Bett gehen und dafür schon früh morgens topfit sind – auf der anderen Seite die Eulen, die bis in die Nacht wach bleiben und morgens nur schwer aus dem Bett kommen. Und dazwischen gibt es unzählige individuelle Varianten – nur eines ist den Menschen gemein: Ohne Schlaf kommt niemand aus. Erwachsene benötigen pro Nacht in der Regel sieben bis acht Stunden davon, um vollständig erholt in den Tag zu starten. Kinder brauchen dagegen wesentlich mehr Bettruhe – Schlaf fördert ihr Wachstum, die Entwicklung des Gehirns und stärkt das Immunsystem.

Stille Nacht, schlau erwacht!

Stille Nacht, schlau erwacht! (Foto: oriol san julian shutterstock.com)

In der modernen Gesellschaft wird dem Schlafen oftmals keine große Bedeutung zugesprochen. Das zeigt sich am besten an den seit Jahren gleichen Schulzeiten in Deutschland. Der Unterricht startet in den meisten Schulen bereits um 8.00 Uhr – und jeder, der die Schulbank gedrückt hat, weiß, dass mindestens die erste Stunde mit viel Qual und wenig Produktivität verbunden ist. Unzählige Studien haben belegt: Der frühe Unterrichtsbeginn widerspricht der biologischen Uhr – vor allem von Jugendlichen. Die deutsche Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin (DGSM) fordert seit einigen Jahren einen späteren Unterrichtsbeginn. „Wenn wir über eine Bildungsoffensive nachdenken, dann sollte auch der frühe Schulbeginn zur Diskussion stehen“, so DGSM-Präsident Dr. Alfred Wiater in einer Pressemitteilung der Institution. Bis auf wenige Modellversuche hat sich bislang nichts geändert.

Die Debatte wirft eine generelle Frage auf, über die sich wenige Menschen Gedanken machen. Wie viel Schlaf ist für mich und mein Kind gesund? Laut dem DAK-Gesundheitsreport 2017 gibt es in dieser Hinsicht enormes Verbesserungspotential. Dem Bericht nach leiden ganze 9,4 Prozent der Menschen in Deutschland unter schweren Schlafstörungen. Die meisten unterschätzen das Problem, obwohl es mit starken gesundheitlichen Risiken einhergeht „Dauerhafter Schlafmangel kann ein Risikofaktor für Krankheiten oder Anfälligkeiten sein“, warnt Diplom- Psychologin Sylvia Dreist von der Beratungsstelle für Kinder, Jugendliche und Eltern in Cuxhaven. Diabetes, Kopf- oder Gelenkschmerzen können beispielsweise Folgen von Schlafmangel sein. Eltern sollten bei ihren Kindern verstärkt darauf achten, dass sie genügend Schlaf bekommen.

Grundsätzlich lässt sich sagen: Je älter Kinder werden, desto weniger Schlaf benötigen sie. Säuglinge schlafen täglich rund 17 Stunden, meistens verteilt auf fünf Schlafperioden. Sie haben noch keine Vorstellung vom Unterschied zwischen Tages- und Nachtzeit. Aber schon nach wenigen Monaten entwickeln Babys ein Gespür dafür und schlafen nachts länger ohne Unterbrechung. Zwischen drei und sechs Jahren nimmt die Anzahl der Tage, an denen die Kinder tagsüber schlafen, ab.

Dass ein Kind keinen Mittagsschlaf mehr benötigt, merkt man zum einen daran, dass es zunehmend länger braucht, trotz passender Gelegenheit mittags einzuschlafen oder es gar nicht erst einschläft. Zum anderen lässt es sich daran erkennen, dass keine Anzeichen von Müdigkeit wie beispielsweise Gähnen oder Verhaltensauffälligkeiten auftreten, wenn das Kind mittags nicht mehr schläft. Individuell ist die Entwicklung in diesem Zusammenhang aber sehr unterschiedlich. Viele Kinder benötigen auch mit 5 Jahren noch einen Mittagsschlaf, um ihre Defizite aus einem kürzeren Nachtschlaf auszugleichen.

Durchschnittliche Schlafenszeiten
- Säugling: 17 Stunden
- 1 Jahr: 15 Stunden
- 2 Jahre: 13 bis 14 Stunden
- 4 Jahre: 12 Stunden
- 6 Jahre: 11 Stunden
- 8 Jahre: 10 Stunden
- 10 Jahre: 9 Stunden


Warum ist Schlafen so wichtig?

Damit Kinder wachsen können, benötigen sie Schlaf. Wissenschaftler von der Emory University in Atlanta haben nachgewiesen, dass Kinder, die mehr schlafen, größer werden. Das hängt damit zusammen, dass nach dem Einschlafen der Spiegel des Wachstumshormons steigt. Bei den untersuchten Kleinkindern stieg die Wahrscheinlichkeit eines Wachstumsschubes für jede Extrastunde an Schlaf um 20 Prozent. Das Hormon wird in den Tiefschlafphasen ausgeschüttet. Im Umkehrschluss bestätigte sich auch, dass Kinder mit Schlafmangel unter Wachstumsstörungen leiden.

Ein weiterer Aspekt ist die Stärkung des Immunsystems. Bei ausreichendem Schlaf werden nach Untersuchungen einer Forschergruppe aus Utrecht, Lübeck und Tübingen mehr natürliche Abwehrzellen gebildet als bei Schlafmangel. Kinder mit einem gesunden Schlafrhythmus erkranken seltener und sind weniger empfänglich für Infektionen. Im Tiefschlaf ist das Immunsystem besonders aktiv und speichert wichtige Informationen über Krankheitserreger, indem das Wissen von den kurzlebigen zu den langlebigen Immunzellen (T-Zellen) übergeht.

Zudem findet während des Schlafs ein wichtiger Lernprozess statt. Die Einflüsse, die das Kind tagsüber aufgenommen hat, werden über Nacht verstanden und zu abrufbarem Wissen umgewandelt. Wie deutsche Wissenschaftler von der Universität Tübingen herausfanden, hängt dies damit zusammen, dass Kinder besonders lange in der dafür geeigneten Schlafphase »Slow-Wave-Sleep« (Tiefschlaf ) verweilen. Dadurch können Kinder sehr schnell Neues lernen und in ihrem Gehirn verfestigen. Eltern, deren Kinder häufig aufwachen und zu wenig schlafen, rät Sylvia Dreist: „Durchschlafprobleme können verschiedene Ursachen haben. Als Eltern sollte man genauer prüfen, was die Kinder vielleicht beunruhigt oder unter Stress setzt. Beratung kann hier sehr hilfreich dabei sein, Hintergründe schneller aufzudecken und zu bewältigen.“


Mehr Informationen unter www.dgsm.de (Deutsche Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin)

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