Todesursache blauer Dunst

Raucher behaupten häufig, jeder Mensch sei für seine eigene Gesundheit verantwortlich. Das ist falsch: Kinder können sich kaum dagegen wehren, wenn Eltern oder Verwandte in ihrer Umgebung rauchen. Es kommt zwar vor, dass sie ihre Abneigung durch ein „Ihgitt! Hör auf damit, das stinkt“ äußern – ernst genommen wird der Wunsch allerdings selten. Dass Passivrauchen vor allem für Kinder besonders gefährlich ist, wurde längst bewiesen. Und doch hinkt Deutschland beim Schutz der Kinder deutlich hinterher.

Todesursache blauer Dunst

Todesursache blauer Dunst (Foto: Peter Hermes Furian shutterstock.com)

Als vor zehn Jahren das Gesetz zum Schutz vor den Gefahren des Passivrauchens auf Bundesebene in Kraft trat, war der Aufschrei unter den Rauchern groß. Zunächst wurde das Rauchen in Einrichtungen des Bundes, an Personenbahnhöfen sowie in öff entlichen Verkehrsmitteln verboten. Dann zogen die Länder nach: Verbote in Gaststätten, Diskotheken und weiteren Einrichtungen folgten. Mittlerweile haben sich fast alle an die Regelungen zum Nichtraucherschutz gewöhnt und sind froh, ihr Essen im Restaurant ohne den lästigen und gefährlichen blauen Dunst zu sich nehmen zu dürfen.

Aber in den eigenen vier Wänden darf jeder weiterhin rauchen so viel er will – und auch in Anwesenheit nicht rauchender Menschen und Tiere. Die Gesundheit des Kindes kann dabei bereits vor dessen Geburt gefährdet werden. Dass Rauchen in der Schwangerschaft dem ungeborenen Kind schadet, ist weitläufig bekannt. Zahlreiche Studien haben bereits ein deutlich gesteigertes Risiko für Krankheiten wie angeborene Herzfehler, Wachstums- und Entwicklungsstörungen festgestellt. Selbst Väter riskieren die Gesundheit ihres Nachwuchses, wenn sie vor der Zeugung rauchen. So erhöht sich das Asthma-Risiko um das Dreifache im Vergleich zu Kindern von nichtrauchenden Vätern, wie eine Studie der Universität Bergen ergab. Die Giftstoffe beschädigen das Erbgut in den Spermien.

Viele Mütter unterbrechen während der Schwangerschaft das Rauchen aus Rücksicht auf die Kindesgesundheit, greifen nach der Geburt aber wieder zur Zigarette. Dabei sind die Schäden des Passivrauchens immens. Laut der Weltgesundheitsorganisation (WHO) tötet Passivrauchen weltweit im Jahr 600.000 Menschen, darunter 165.000 Kinder. Die hohen Todeszahlen liefern den stärksten Beweis für die Gefahren des Rauchens, aber auch die anderen Einflüsse auf die Gesundheit sind gravierend und können in der Spätfolge ebenfalls tödlich enden.

„Bei Kindern kann Passivrauchen sowohl der Auslöser für chronische Atemwegserkrankungen, aber auch für akute Infektionen wie beispielsweise Mittelohrentzündungen sein. Erschwerend kommt hinzu, dass gerade jüngere Kinder häufiger atmen und ihre Gesundheit damit noch mehr beschädigt wird“, sagt Dr. Ute Mons, Leiterin der Stabstelle Krebsprävention im Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ). Eine Studie aus den Vereinigten Staaten ergab, dass Passivrauchen das Asthmarisiko bei Kindern erhöht und bei bereits erkrankten Kindern den Verlauf der Krankheit verschlechtert. Die Kinder wurden dazu auf ihren Cotinin-Gehalt im Blut untersucht. Cotinin ist ein Abbauprodukt von Nikotin, dessen negative Auswirkungen nicht nur die Raucher, sondern auch die Passivraucher betreffen.

Zudem untersuchten Wissenschaftler der University of Tasmania zwei Datenerhebungen aus Finnland und Australien mit über 3.700 Teilnehmern, deren Gesundheitsbild im Alter von drei bis 18 Jahren dokumentiert wurde. Sie stellten fest, dass Kinder, deren Eltern beide rauchen, irreversible Schäden an den Arterien erleiden. Zum Ende des Untersuchungszeitraums waren die Gefäßwände der betroffenen Teilnehmer um 0,015 Millimeter dicker als bei den restlichen Probanden. Das hört sich zwar nicht nach einem großen Unterschied an, doch das Gefäßalter entsprach im Alter von 18 Jahren bereits dem von 3,3 Jahre älteren Menschen. Dünne Gefäßwände können Druckunterschiede besser ausgleichen, bei dickeren steigt hingegen das Risiko eines Schlaganfalls oder Herzinfarktes.

Unzureichender Nichtraucherschutz in Deutschland

Raucher begehen Körperverletzung, wenn sie in Gegenwart von Mitmenschen rauchen. Zu diesem Ergebnis kam im Jahr 2013 auch das Amtsgericht Erfurt. Im Prozess saß eigentlich eine Frau auf der Anklagebank, weil sie einem Mann bei einem Streit in einer Diskothek ein Glas gegen den Kopf geworfen hatte. Zuvor hatte sie den Mann wiederholt auf das Rauchverbot hingewiesen, der Mann blies ihr als Trotzhandlung Zigarettenqualm ins Gesicht. Der Richter sprach die Frau frei, da sie in Notwehr gehandelt habe, um sich gegen eine Körperverletzung zu wehren.

In der Tat heißt es im Strafgesetzbuch § 224, dass es sich bei der »Beibringung von Gift oder anderen gesundheitsschädlichen Stoffen« um eine gefährliche Körperverletzung handelt, die in minder schweren Fällen mit einer Freiheitsstrafe von drei Monaten bis fünf Jahren geahndet wird. Eine Zigarette enthält mehr als 4.000 Inhaltstoffe, davon gelten über 200 als giftig, rund 40 sind sogar krebserregend. Damit ist der Tatbestand für eine gefährliche Körperverletzung erfüllt.

Trotz der erwiesenen Gesundheitsschädlichkeit hinkt die Bundesregierung beim Schutz hinterher. Das zeigt auch die Statistik »Tobacco Control Scale 2016«, in der Deutschland in der Strenge der Reglementierung des Tabakkonsums von 35 europäischen Ländern auf dem vorletzten Platz rangiert. In die jährliche Beurteilung fließen unter anderem der Zigarettenpreis, gesetzliche Verbote und die Durchführung aufklärender Kampagnen ein.

Das DKFZ moniert ebenfalls, dass die Nichtraucherförderung bislang zu wenig in das deutsche Gesundheitswesen integriert wurde. Ärzte seien oft überfordert, wenn Raucher zu ihnen kommen, die aufhören wollen.

Das DKFZ setzt sich als WHO-Kollaborationszentrum für Tabakkontrolle für verschärfte Regeln in Deutschland ein. „Es ist schade, dass der Bund die Regulierung an die Länder übertragen hat. Bis auf Bayern, das Saarland und Nordrhein-Westfalen gibt es in allen Bundesländern zu viele Ausnahmen beim Nichtraucherschutz“, kritisiert Dr. Ute Mons. Deutschland könne sich in dieser Hinsicht ein Beispiel an Großbritannien nehmen, wo seit zehn Jahren ein harter Kurs verfolgt wird. Seit 2015 darf dort in Autos nicht mehr geraucht werden, wenn Minderjährige mitfahren. Das Vereinte Königreich verfolgt ein ambitioniertes Ziel: Bis zum Jahr 2040 soll das ganze Land rauchfrei gemacht werden. Von solchen Ambitionen ist Deutschland noch meilenweit entfernt.


Weitere Informationen
www.dkfz.de
www.rauchfrei-info.de
www.nichtraucherschutz.de
www.pro-rauchfrei.de

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