Wie im echten Leben? Gesellschaft lernen in der Kinderstadt – im Freizeittreff Eckernfeld

Lesen, Schreiben und Rechnen sind wichtige Fertigkeiten die Kinder im jüngsten Alter erlernen. Doch erwarten sie nach der Schule weitere Herausforderungen. Arbeiten gehen, Steuern zahlen und Wählen sind alles Verpflichtungen des Erwachsenenalters, auf welche die Kinder nur selten vorbereitet werden. Das Projekt Kinderspielstadt versucht, eben diese Dinge auf spielerischer Art und Weise, kindgerecht zu vermitteln. In Städten wie München, Regensburg, Pilsen und vielen weiteren, findet das Projekt schon seit mehreren Jahren statt und bietet den Kindern eine Miniversion ihrer Heimatstadt, mit all ihren Möglichkeiten. „Die Spielstadt ist eine Schule des Lebens und Lernens“, schreibt Gerd Grüneisl, Mitbegründer der Kinderspielstadt Mini-München auf www.kinderspielstadt.com.

Wie im echten Leben: (Cookie Studio shutterstock.com (Mädchen am Laptop))

Wie im echten Leben: (Cookie Studio shutterstock.com (Mädchen am Laptop))

Eine Spielstadt ist wie ein Abbild einer richtigen Stadt in kleinerem Format. Die Aufbauten mit ihren o enen Räumen, Gassen und Korridore wirken von oben wie ein Grundriss. Kinder tummeln sich darin, laufen umher und sind geschäftig. In einem kleinen Redaktionsraum sitzt ein Kind am Computer und schreibt etwas, in einem Friseursalon frisiert ein Kind dem anderen die Haare, während in dem Laden daneben  eißig eingekauft wird – eine kleine Stadt, bevölkert von Kindern – die Kinderstadt. Solche Projekte füllen riesige Sporthallen, wie das Olympia Stadion, in dem jährlich das bereits genannte Mini-München entsteht, mit allem, was zu einem Leben in der Stadt dazugehört. Die Kinder arbeiten hier, verdienen Geld, zahlen Steuern, konsumieren und nehmen Dienstleistungen in Anspruch – sie nehmen eigenverantwortlich am ö entlichen Leben teil. Die inszenierte Welt der Spielstadt gibt den Kindern die Möglichkeit, sich im Spiel auszuprobieren, um so die Funktionen einer Gesellschaft innerhalb einer Stadt zu erleben. „Hier in der Spielstadt sind die Kinder die Macher, schlüpfen in verschiedene Berufsrollen, bilden Ö entlichkeit, formulieren Meinungen, fällen Urteile, betreiben Verwaltung und bestimmen die Politik“, schreibt Grüneisl.

Eine Herzensangelegenheit

In den Räumen des Freizeittre s Eckernfeld in Bremerhaven entsteht alle zwei Jahre, in Zusammenarbeit mit dem Verein für Freizeitgestaltung e.V., solch eine Kinderstadt. Zuletzt im Sommer 2019. Geplant hat die Kinderstadt wie auch alle in den Jahren zuvor, der 23-jährige Jan-Hendrik Geier. Der Einzelhandelskaufmann engagiert sich seit nunmehr neun Jahren für die Kinderstadt, die für ihn mittlerweile zur Herzensangelegenheit geworden ist, sagt er.

Jeder Kinderstadt geht eine intensive Planungsphase voraus, bevor sie dann innerhalb einer Woche aufgebaut werden kann. Danach ist die Stadt für Kinder im Alter von acht bis zwölf Jahren für eine Woche geö net. An die 50 Kinder tummeln sich dann in der Mini-Stadt, die von 18 Betreuern und freiwilligen Helfern begleitet wird, erklärt Geier. Jeder Raum im Freizeittre Eckernfeld bietet einen Beruf. Es gibt ein Restaurant, ein Kaufhaus, ein Wellnesscenter und vieles mehr. Die einzelnen Geschäfte sind sehr liebevoll gestaltet und für die Ämter wurden eigens kleine Häuschen angefertigt.

Los geht es für die Kinder am Schalter des Arbeitsamtes, das Gleichzeitig auch als Meldeamt dient. Hier bekommen die Kinder einen Ausweis und können sich über die angebotenen Berufe informieren. Die Kinder haben die Möglichkeit, zwischen vielen verschiedenen Tätigkeiten zu wählen. Von Behörden und Ämtern, wie dem Ordnungsamt, dem Arbeitsamt und dem Bürgermeisteramt, über den Einzelhandel in Form eines Kaufhauses oder Gastronomieangeboten wie einem Restaurant oder einer Cocktailbar, bis hin zu Dienstleistungen, wie einem Wellnesscenter. Haben sich die Kinder entschieden, stehen ihnen die Betreuer zur Seite, um sie in dem zuvor gewählten Beruf anzuleiten. Die Kinder mixen Cocktails an der Bar, Schminken sich im Beautysalon oder verkaufen im Kaufhaus Produkte, die von anderen Berufen hergestellt worden sind. Nachdem die Kinder gearbeitet haben, genießen sie ihren Feierabend und geben im Restaurant oder beim Shopping im Kaufhaus ihr hart verdientes »Geld« aus.

Beim »Geld« handelt es sich um die eigens für die Spielstadt kreierte Währung – den »Ecki-Talern«. Diese werden nach getaner Arbeit auf die Konten der Kinder überwiesen. Das Geld können sie dann wiederum bei Bedarf per EC-Karte abheben. Eine Bank, in der natürlich auch Kinder arbeiten, verwaltet jeden einzelnen Taler. Dabei hilft den Kindern ein Computerprogramm, das Geier extra für diesen Zweck geschrieben hat. Das kleine Wirtschaftssystem hat auch einen Mehrwert für die Kinder, sagt Geier: „So lernen die Kinder ein wenig, mit ihrem eigenen Budget zu haushalten und Ausgaben zu planen, wenn sie sich etwas gönnen wollen.“ Als die »Ecki-Taler« einmal knapp waren, machte die Not die Kinder er nderisch: So hatte das Team aus dem Wellnesscenter die Idee, Kastaniensäcke zu basteln, um sie in das eigene Angebot einer Massage zu integrieren und mehr Geld für eine Sitzung verlangen zu können. Um die Einnahmen noch weiter zu steigern, wurden die Säcke zusätzlich auch im Kaufhaus verkauft – eine clevere Geschäftsidee der Kinder.

Neben Gesellschaft und Wirtschaft spielt auch die Politik eine große Rolle in der Kinderstadt. Zu Beginn der Projektwoche wählen die Kinder einen Bürgermeister für die Stadt. Vorher wird natürlich Wahlkampf betrieben, bei dem die Kinder Plakate basteln, um ihre Favoriten zu unterstützen. Besonders hervorgetan hat sich die letzte Bürgermeisterin. Mit dem Wahlkampfslogan: „Alle bekommen mehr Geld“ hatte sie gleich die Mehrzahl der Wähler für sich gewonnen. Sie war äußerst engagiert, berichtet Geier. Ihren Schwerpunkt legte sie auf die Verschönerung der Spielstadt. Dafür sollten alle vorhandenen Mülleimer geschmückt werden. Bevor dieser Plan allerdings in die Tat umgesetzt werden konnte, musste das wiederum mit den Bürgern der Kinderstadt abgestimmt werden.

Im Zentrum der pädagogischen Maßnahme steht die spielerische Auseinandersetzung der Kinder mit der erwachsenen Arbeitswelt. Für Jan-Hendrik Geier und sein Team ist es besonders wichtig, dass Kinder lernen, wie Gesellschaft funktioniert und welche Wechselwirkungen sie hat. Auch das Wirtschaften mit den eigenen Ressourcen stellt einen Schwerpunkt dar, ebenso die Förderung eines Demokratieverständnisses, damit die Kinder sich als aktiv an der Gesellschaft Beteiligte wahrnehmen. Zusätzlich hat das Projekt auch einen Nebene ekt, so steigert es das Selbstwertgefühl der Kinder, wenn sie sich und ihr Tun als wertvoll erachten. Auch auf die soziale Komponente macht Geier aufmerksam: Ehemals schüchterne Kinder sind in der Kinderstadt aus sich herausgekommen, haben andere Kinder kennengelernt und neue Freundschaften geschlossen, berichtet Geier.

Das Spiel, das »so tun als ob«, macht all dies möglich. Wie wichtig es für Kinder ist, um eigenständig Erfahrungen zu sammeln, beschreibt Grüneisl wie folgt: „Den Umgang und Gebrauch der dinglichen Welt vermitteln notwendigerweise erwachsene Personen, aber es muss in der Weise geschehen, dass Neugier, Experimentierlust und Forscherdrang der Kinder erhalten und gefördert werden. Die Brücke dazu ist die Anerkennung der Methode der Kinder, sich die Welt anzueignen, nämlich das Spiel. Damit lernen sie, erwerben Wissen und zugleich wird gewährleistet, dass sie sich auch in sozialer Hinsicht ihrer Welt versichern können.“

Die Planungen für die nächste Kinderstadt beginnen im April 2021. Wer das Projekt unterstützen möchte: Die Kinderstadt freut sich über Sachspenden für das kleine Kinderkaufhaus. Allerdings erst kurz vor dem eigentlichen Projekt, da es sonst zu Platzschwierigkeiten bei der Lagerung der Spenden kommen kann.

Freizeittreff Eckernfeld
Mercatorstraße 25, 27580 Bremerhaven
Telefon: 0471 83778

Kinderspielstadt
https://www.kinderspielstaedte.com/

Veranstaltungskalender

24.03.2018 - 19.01.2038, ganztägig
19.04.2019 - 11.06.2026, ganztägig
12.05.2019 - 12.05.2020, ganztägig
26.02.2020 - 23.06.2020, ganztägig
25.03.2020 - 25.04.2020, ganztägig
29.03.2020 - 29.06.2022, ganztägig
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