Hermann Der Kettenbrief-Kuchen

Der Hermann-Kuchen war Kult in den Kindertagen der heutigen Eltern und Großeltern. Diese Generation schwelgt auch beim Stichwort
»Hermann-Kuchen« gleich in Erinnerungen wie: „Ach ja, den Hermann musste man füttern – fast wie ein eigenes Haustier!“ oder „Oh nee, den hatte meine Mutter ständig da und den Kuchen konnte ich echt nicht mehr sehen!“ Bei Jüngeren jedoch erntet man oft nur verständnislose Blicke und die Frage: „Wie? Das verstehe ich nicht. Was soll das denn eigentlich sein, dieser Hermann?“

Hermann (Arina P Habich shutterstock.com)

Hermann (Arina P Habich shutterstock.com)

Woher das Phänomen des Hermann-Kuchens, der auch Glücks-Kuchen oder Vatikan-Kuchen genannt wird eigentlich kommt, ist unklar. Klar ist aber, dass es in den 60er bis 80er Jahren in Deutschland kaum einen Haushalt gab, in den er nicht mindestens einmal Einzug hielt. Und wenn er kam, dann als Geschenk in Form eines Glases, das mit einem kleinen Stück süßen Sauerteig namens »Hermann« gefüllt war (einem gesunden Weizenteig, der durch die natürliche Milchsäuregärung mithilfe von Natur aus vorhandener Milchsäurebakterien und Hefepilzen entsteht). Dazu gab es immer eine kleine Anleitung, die wie ein Kettenbrief von einem Haus zum anderen gegeben wurde und Hermann als neues »Familienmitglied « einführte. Darauf war zu lesen, dass Hermann sich erst einmal »eingewöhnen« musste (ruhen), dann »bewegt werden« sollte (rühren) oder an einem bestimmten Tag »gefüttert werden« musste (Mehl und Milch hinzugeben) und so weiter. Dadurch vermehrte und reifte dieser Weizensauerteig. Bei pfleglicher Behandlung war es nach 10 Tagen dann soweit: der Hermann »schenkte« der Familie zwei Hermannkinder (Sauerteigstücke um Weitergeben). Vom Rest des Hermann- Teiges konnte dann ein leckerer Kuchen gebacken werden, der durch den Sauerteig besonders gesund, bekömmlich und aromatisch war.

Besonders für Kinder ist dies ein spannendes Experiment, bei dem sie die Milchsäuregärung sehr gut beobachten können. Denn wenn sich die Bakterien und Hefen vermehren, kann dies deutlich beobachtet werden. Der Teig blubbert und zischt durch die Gase, die bei der Stoff wechselproduktion entstehen und das Volumen des Teiges nimmt deutlich zu.

Heute gibt es als Alternativen zu dem süßen Weizensauerteig Hermann auch weniger süße Rezepte für Brote und Brötchen – die Geschwister von Hermann. Das sind Siegfried (ein Roggen-Sauerteig) und Robert (Weizensauerteig). Die Fülle der Rezepte, die sich im Internet für alle drei Geschwister finden lassen, ist inzwischen riesengroß, sodass selbst diejenigen, die den Hermann-Standard-Kuchen von damals nicht mehr sehen können, köstliche und gesunde Backwaren von Muffi n über Pizza bis hin zum Brot und Brötchen zaubern können. Höchste Zeit, den Kult neu aufleben zu lassen und Nachbarn und Freunden zu beglücken.

Milchsäurebakterien kommen überall in der Natur vor – im Wasser, Mehl und in unserem Körper. Sie haben eine antibakterielle Wirkung und sorgen beispielsweise dafür, dass der gesunde Säureschutzmantel der Haut erhalten bleibt oder die Verdauung gut funktioniert. In der Lebensmittelbranche geben diese natürlichen Bakterien Joghurt, Käse oder Backwaren ihr Aroma und machen sie haltbar.

Hefepilze sind ebenfalls in der Natur vorhanden und werden
auch zur Herstellung von Lebensmitteln genutzt, wie beispielsweise Bier, Wein, Brot und Kefir.

Die Milchsäuregärung wird bereits seit tausenden von Jahren
zur Herstellung von Brot genutzt. Die Milchsäurebakterien gehen
dabei eine Symbiose mit Hefepilzen ein und es bilden sich Milch- und Essigsäuren. Im Laufe des natürlichen Prozesses entsteht auch das Gas, das den Teig als natürliches Triebmittel aufgehen lässt. Außerdem werden die Verdaulichkeit, das Aroma und die Haltbarkeit der Backwaren verbessert.

Haltbarkeit Manche machen sich Sorgen, dass der Teig schlecht sein könnte und damit ungenießbar. Und es hängt auch tatsächlich ein wenig vom Zufall ab, ob sich die Bakterien und Pilze im richtigen Verhältnis zueinander entwickeln und eine gesunde Symbiose entsteht. Doch dies ist deutlich am Geruch zu erkennen. Ist der Sauerteig gelungen, riecht er leicht bis kräftig säuerlich und manchmal sogar ein wenig fruchtig. Doch ist er verdorben, riecht er abstoßend nach faulen Eiern. Durch die antibakterielle Wirkung der Milchsäuren ist das Gelingen allerdings nicht allzu schwierig und sollte der Teig doch einmal misslungen sein, muss er halt entsorgt werden und es kann ein neuer Ansatz hergestellt werden.

Ansatz/Rezepte für Herbert, Robert und Siegfried – Download:

Hermann-Brief (Text) – Website:

https://fermentationspace.de/ein-brief-der-freude-bringt/

Hermann Brief (gezeichnet) – Download:
https://lakritze.wordpress.com/2012/05/19/hermann/hermann-2/

Veranstaltungskalender

24.03.2018 - 19.01.2038, ganztägig
19.04.2019 - 11.06.2026, ganztägig
18.07.2019, ganztägig
19.07.2019 - 17.09.2019, ganztägig
19.07.2019, ganztägig
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